China, Peking, Tiananmen – 37. Jahrestag (#150)

China, Peking, Tiananmen 1989. 37. Jahrestag
"Diese Nacht in Peking". Artikel der Volkszeitung vom 4. Juni 1989.

Diese Zeitung, 4. Juni, 5:00 Uhr

In einem Leitartikel der „Tageszeitung der Volksbefreiungsarmee“ vom 4. Juni hieß es: „In den frühen Morgenstunden des 3. Juni brach in der Hauptstadt ein schwerer konterrevolutionärer Aufstand aus.“

Gegen 22:00 Uhr am 3. Juni waren in der Nähe des Militärmuseums Schüsse zu hören, und Truppen des Kriegsrechts rückten in die Stadt ein. Von Mitternacht bis in die frühen Morgenstunden riefen das Friendship Hospital, das Fuwai Hospital, das Beijing Emergency Medical Center, das Railway Hospital, das Fuxing Hospital, das Peking Union Medical College Hospital und das Guang’anmen Hospital wiederholt bei dieser Zeitung an, um über die Verletzten unter den von ihnen aufgenommenen Patienten zu berichten.

Zum Zeitpunkt der Drucklegung waren Truppen des Kriegsrechts auf den Platz des Himmlischen Friedens vorgerückt.

„Diese Nacht in Peking“. Volkszeitung, 4. Juni 1989.

China, Peking, Tiananmen – 37. Jahrestag

Heute vor 37 Jahren beendete die Volksbefreiungsarmee die friedlichen Proteste der Bevölkerung auf dem Tiananmen-Platz in Peking und anderen Städten Chinas gewaltsam.

„8964“ – 36. Jahrestag Tiananmen (#138)

Seit 37 Jahren bleiben die Ereignisse rund um die Niederschlagung der landesweiten Protestbewegung ein Tabuthema. In den Beziehungen zwischen Staat und Kommunistischer Partei Chinas (KPCh) auf der einen, und dem chinesischen Volk auf der anderen Seite ist in der „neuen Ära“ weiterhin kein Raum für einen Diskurs. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der jüngeren Geschichte Chinas wird bewußt unterbunden.

2026 gibt es auf dem chinesischen Festland keinerlei offizielles Gedenken. Im Gegenteil, das Thema ist und bleibt Tabu. Und jede Erinnerung und jeder Akt des Gedenkens sollen im Keim erstickt werden. In der Terminologie der KPCh gilt seit dem Tiananmen-Massaker das Primat der „Steuerung der öffentlichen Meinung“ (舆论导向).

Unter der Führung von Xi Jinping kommt der „Steuerung der öffentlichen Meinung“ eine essentielle Rolle zu. Dessen Vorgaben finden sich beispielsweise in den „wichtigen Anweisungen zur ideologischen und kulturellen Arbeit“ (2023):

Wir müssen die vorherrschende öffentliche Meinung, die den Fortschritt in der neuen Ära vorantreibt, festigen und ausbauen, die positive Öffentlichkeitsarbeit mit dem Schwerpunkt auf der Stärkung des Vertrauens intensivieren und unsere Fähigkeit zur Steuerung der öffentlichen Meinung verbessern.

Die praktische Umsetzung hat Auswirkungen auf alle Lebensbereiche der Menschen, sowohl analog als auch digital.

4. Juni 1989 und die Tiananmen-Mütter

Den Tiananmen-Müttern zufolge wurde ihnen dieses Jahr erstmals untersagt, gemeinsame Treffen abzuhalten oder die Gräber ihrer ums Leben gekommenen Kinder zu besuchen. Zhang Xianling, eine 88-jährige Tiananmen-Mutter, steht dieser Tage wieder unter Beobachtung, berichtet Radio Free Asia:

Diese Handlungen, die früher zur Routine gehörten, sind nun nicht mehr erlaubt. Jetzt dürfen wir nicht einmal mehr dorthin gehen, was es so noch nie gegeben hat.

Wie jedes Jahr wendet sich Frau Zhang an die Öffentlichkeit, um auf die Ereignisse rund um den 4. Juni 1989 aufmerksam zu machen. Ihren offenen Brief liest sie im Video:

Die Tiananmen-Mütter lassen sich nicht unterkriegen, halten die Erinnerung lebendig und werden nicht müde Gerechtigkeit einzufordern. Auszug aus einer auf der Webseite der Gruppe veröffentlichten Stellungnahme.

Unser jährliches Neujahrstreffen der Gruppe der „Mütter vom Tiananmen“ wurde von der Regierung ungerechtfertigt verhindert und zum ersten Mal verboten.

Das Treffen […] sollte ursprünglich am 28. Dezember 2025 in einem Restaurant am Chongwenmen in Peking stattfinden. Sofern es ihr Gesundheitszustand zulässt, nehmen die Hinterbliebenen gerne daran teil, sobald sie darüber informiert werden.

Die Tragödie vom 4. Juni ist eine Wunde, die in den Herzen jeder Familie für immer unauslöschlich bleiben wird. Das jährliche Treffen und das Wiedersehen miteinander schenken jedem teilnehmenden Hinterbliebenen Wärme und lassen ihre verwundeten Seelen durch den emotionalen Trost des gemeinsamen Schicksals Trost finden. Doch genau diese von Menschlichkeit geprägte Fürsorge wurde durch administrative Maßnahmen der staatlichen Sicherheitsbehörden, die ohne jegliche rechtliche Grundlage wie Verhöre anmuten, zunichte gemacht.

36 Jahre sind vergangen. Viele Eltern aus unserer leidenden Gemeinschaft, die ihre Kinder verloren haben, sind mit ihrem Bedauern aus dem Leben geschieden, und auch einige Ehefrauen, Ehemänner sowie die unterzeichnenden Behinderten sind aufgrund von Krankheit verstorben. Aus moralischer und menschlicher Sicht war ihr Tod für sie sehr grausam.

Auch die jungen Ehefrauen, die damals allein mit ihren kleinen Kindern die Last der Kindererziehung auf ihren Schultern trugen, sind heute über 60 Jahre alt. Gerade diese benachteiligte Gruppe hat beschlossen, im Jahr 2026 ein Neujahrstreffen abzuhalten. Doch statt dass die Regierung aufrichtig einen Plan zur Aufarbeitung des Massakers vom 4. Juni 1989 auf den Weg bringt und mit uns in einen Dialog tritt, sehen wir die kalte Realität, dass die öffentliche Sicherheit der Regierung ihre Befugnisse missbraucht, um die Bürger daran zu hindern, ihr Recht auf soziale Kontakte auszuüben!

六四 Essen statt Gedenken in Hongkong

In der Sonderverwaltungszone Hongkong gibt zu dieser Jahreszeit keine Gedenkveranstaltungen mehr. Angesichts starker Zensur und harter Strafen findet das Versammlungsverbot Ausdruck im Schriftzeichen „不“ (bu für nein/nicht) mit einer kleinen Kerze.

Quelle: renews_hk/Instagram

Im Victoria Park findet stattdessen bereits zum vierten Mal der „Hometown Food Carnival“ (同乡社团家乡市) statt. Dutzende Heimatvereine präsentieren in Einheitsfront kulinarisches und kulturelles aus den chinesischen Provinzen. Ein eigener Kanal auf YouTube (Zugriff verboten in der VR China) bewirbt die mehrtägige Veranstaltung.

Screenshot: 第四局同乡社团家乡市/Youtube.

Hong Kong Free Press zeigt Bilder der Veranstaltung.

六四 – 34. Jahrestag der Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen (#106)

Taiwan – Lai Ching-te: KPCh soll sich „der Wahrheit stellen“

Die Regierung Taiwans äußert sich in den sozialen Medien und fordert die chinesische Regierung in Peking auf, sie solle sich endlich „der Wahrheit stellen“ und mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen.

In Taipeh wird den Opfern der Protestbewegung mit einer Mahnwache gedacht.

Und auch der ostasiatische Nachbar Japan bietet dem Thema etwas Raum. Der japanische Club der Auslandskorrespondenten FCCJ lud einen Protagonisten der damaligen Studentenbewegung, Wu’er Kaixi, zum Gespräch ein.

Quellen:

Weitere Beiträge zum Thema China, Peking, Tiananmen hier. 

In Pictures: For 4th year, patriotic carnival held on former site of Hong Kong’s Tiananmen crackdown vigils, https://hongkongfp.com/2026/06/04/in-pictures-for-4th-year-patriotic-carnival-held-on-former-site-of-hong-kongs-tiananmen-crackdown-vigils/.

Webseite der Tiananmen-Mütter, tiananmenmother.org.

Xi Jinping gibt wichtige Anweisungen zur ideologischen und kulturellen Arbeit, https://www.gov.cn/yaowen/liebiao/202310/content_6907766.htm.

Zitat: People’s Daily vom 4. Juni 1989, via Archive.org.

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