#95 Eindrücke aus Taiwan 2014 und 2022

Taiwan Taipeh 101
Taipei 101

Dieser Text über Taiwan stammt aus dem Jahr 2014, ist leicht überarbeitet und in Kursiv mit Gedanken und Eindrücken von 2022 ergänzt.

Inhalt (aktualisiert am 09.01.2023)

Taiwan / Formosa, die schöne Insel

Taipei 101 – Konsum und Propaganda

台湾 Taiwan – Taoyuan Int. Airport

Frühling 2014. Bis zu 90 Tage darf sich ein deutscher Staatsbürger ohne Visum in der Republik China, beziehungsweise in der abtrünnigen Provinz Taiwan – je nach Sichtweise – aufhalten. Trotz dieser Visafreiheit dauerte die Kontrolle des Reisepasses an diesem Vormittag etwas länger als gewöhnlich.

Skeptisch beäugte die Dame, hinter einer Scheibe in einem Kontrollkasten sitzend, die Seite mit dem Passbild. Sie verglich dieses mehrmals fast ungläubig mit dem Gesicht, welches ungewöhnlich weit über ihrem sonst üblichen Sichtfeld ragte. Das Passbild war zwar kaum mehr als sechs Monate alt, doch hatte sich das Erscheinungsbild verändert. Von einer Frisur konnte man nicht mehr sprechen. Was sich derzeit auf meinem Kopf abspielte, war eher Kategorie Wildwuchs. Auch über den Dreitagebart war ich seit Wochen hinaus. Die Summe dieser haarigen Auswüchse schien den Einreisenden in den Augen der freundlichen Kontrolleurin nahezu unkenntlich zu machen. Letztlich ließ sie mich dann doch passieren. Nach der Gepäckausgabe trennte mich nur noch eine Busfahrt vom Stadtzentrum.

Herbst 2022: Trotz zusätzlicher Covid19-Maßnahmen ging es am Flughafen ausgesprochen schnell und effizient voran. Von der Ausweiskontrolle samt Abgabe biometrischer Daten, über die im Vorbeigehen ausgehändigten Covid-Schnelltests zur Selbstüberwachung, bis hin zur Gepäckausgabe. Vom Flughafen ging es ebenso reibungslos weiter in die Stadt. Seit 2017 fährt zusätzlich zu den Bussen eine Bahn, die Airport MRT, mit der man in etwa einer halben Stunde den Hauptbahnhof Taipehs erreicht.

Taiwan / Formosa, die schöne Insel

Blaues Wasser, satt-grüne Bäume und Pflanzen – die ersten Eindrücke während der Busfahrt überfluteten die zuletzt an monotonen Beton gewöhnten Augen mit Reizen. Gleichzeitig zogen mir Gedanken über Taiwans Einzig- und Andersartigkeit im Vergleich mit dem chinesischen Festland durch den Kopf.

Europäer, Han-Chinesen und Japaner prägten die Insel und damit das Leben der Ureinwohner im Lauf der Jahrhunderte. Einige der Indigenen Volksgruppen Taiwans lebten bis zur Kolonialisierung Formosas durch die Japaner (1895 bis 1945) noch weitgehend unbehelligt von der Außenwelt. Heute sind nur etwas über 2% der knapp 24 Millionen Einwohner Taiwans Angehörige der Ureinwohner; über 95% sind Han-Chinesen.

Die japanischen Besatzer brachten neben ultranationalistischen Weltmachtsambitionen auch die Moderne in Form von Wissenschaft und Technik mit. Sie forschten, kategorisierten und klassifizierten, ließen Straßen, Fabriken und sonstige notwendige Infrastruktur bauen, um die Ressourcen des fruchtbaren Eilands zu erschließen.

Nach dem Rückzug der Japaner 1945 dauerte es nicht lange bis die nächste Welle heranrollte, um der Insel ihren Stempel aufzudrücken. Diesmal waren es die chinesischen Nationalisten der Guomindang (GMD), die in dem jahrelangen Kampf um die Herrschaft Chinas – gegen Warlords, Japaner, Kommunisten und nicht zuletzt sich selbst (Korruption) – schließlich den kürzeren gezogen hatten. Als der große Steuermann Mao 1949 das Ruder auf dem Festland übernahm, flohen Chiang Kai-shek und etwa 2 Millionen seiner Getreuen auf die Insel Taiwan.

Die beiden Rivalen Mao und Chiang sind schon lange tot, aber noch Jahrzehnte später gilt im Verhältnis zwischen dem Festland und Taiwan eine Besonderheit. Während in Hongkong die Formel „ein Land, zwei Systeme“ gilt, einigten sich die Volksrepublik China und die Republik China 1992 auf den Konsens „ein China, verschiedene Interpretationen“.

Wie im Falle Hongkongs (Finanzsystem) seit der Rückgabe an das Festland 1997, lernten die Kader vom Festland auch von Taiwan wie der Kapitalismus funktioniert. Geschäftsleute aus Taiwan (sowie Hong Kong und Macao) investierten in den 1990er Jahren massiv in Fabriken, vor allem an der Süd- und Ostküste der VR China.

Der Sonderstatus Hongkongs hat sich spätestens mit dem 2020 verabschiedeten Nationalen Sicherheitsgesetz massiv gewandelt. Kritiker sprechen von „ein Land, ein System“. Rund 150.000 Menschen haben Angaben des britischen Home Office zufolge zwischen Januar 2021 bis September 2022 Hongkong in Richtung Großbritannien verlassen. Einige weitere Tausend sind nach Taiwan ausgewandert. Das Verhältnis zwischen Festlandchina unter Xi Jinping und Taiwan ist seit der Präsidentschaft Tsai Ing-wens 2016 konfrontativer geworden. 

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Das Vermächtnis der japanischen Kolonialzeit (Infrastruktur, Verwaltung) war für die wirtschaftliche Entwicklung Taiwans unter den GMD von Vorteil. Das Überleben der GMD wurde während des Kalten Kriegs auch durch die massive Unterstützung seitens der US-Amerikaner gesichert. Jahrzehntelang wurden Milliarden US-Dollar in Taiwans Wirtschaft und vor allem in das Militär gepumpt, um sozusagen für die Freiheit und gegen die rote Gefahr zu kämpfen.

Im Konflikt zwischen den USA und der VR China ist Taiwan in den letzten Jahren weiter ins Zentrum der Geopolitik gerückt. Zuletzt unterzeichente US-Präsident Biden am 23. Dezember den US-Haushalt und sicherte Taiwan im Laufe der nächsten fünf Jahre u.a. Militärhilfen in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar zu. Peking reagierte am 25.12. mit einer Demonstration der eigenen militärischen Stärke in Form von 71 Kampfflugzeugen und 7 Kriegsschiffen, welche die Straße von Taiwan kreuzten. 

Auszug dazu aus Die Woche im Sinoskop (KW46/*101):

Während eines Besuchs der Stadt Tainan an der Westküste Taiwans donnerte es vor ein paar Tagen mehrmals in der Luft. Im Himmel waren Kampfflugzeuge des taiwanischen Militärs zu sehen. Der schwelende Konflikt zwischen dem Festland und der Insel wurde dadurch plötzlich ziemlich konkret.

So gut wie täglich kommt es zu Vorfällen, bei denen Kriegsschiffe und militärische Flugzeuge der Volksbefreiungsarmee (PLA) in die Luftverteidigungszone Taiwans eindringen (Air Defense Identification Zone; ADIZ). Die ADIZ erweitert den Luftraum eines Landes um einen Bereich, in dem sich Flugzeuge anderer Nationen identifizieren sollen.

Hier ein Blick auf den November 2022:

04.11. 27 PLA aircraft (Kampfflugzeuge) and 4 PLAN (Kriegsschiffe)

05.11. 9 PLA aircraft and 2 PLAN

06.11. 46 PLA aircraft and 4 PLAN

07.11. 63 PLA aircraft and 4 PLAN

08.11. 21 PLA aircraft and 4 PLAN

09.11. 18 PLA aircraft and 4 PLAN

10.11. 26 PLA aircraft and 4 PLAN

11.11. 14 PLA aircraft and 3 PLAN

12.11. 36 PLA aircraft and 3 PLAN

15.11. 16 PLA aircraft and 3 PLAN

16.11. 14 PLA aircraft and 3 PLAN

17.11. 15 PLA aircraft and 3 PLAN

18.11. 15 PLA aircraft and 3 PLAN

19.11. 17 PLA aircraft and 3 PLAN

(Quelle: Twitter, Ministry of National Defense, R.O.C.

Chinesisch, taiwanisch, beides?

Doch trotz all der verschiedenen Einflüsse, ob japanisch oder westlich, die Insel und ihre Einwohner sind wesentlich chinesisch geprägt. In traditionell-kultureller Hinsicht sogar teils „Ur-chinesischer“ als die Landsleute auf dem Festland, die seit der Herrschaft der kommunistischen Partei einiges haben über sich ergehen lassen müssen. Von Hungersnöten, Kampagnen und Kulturrevolution bis hin zum Turbokapitalismus unter der roten Kappe der Gegenwart.

Auf Taiwan gab es keine Kulturevolution, hier wurde nicht alles alte verdammt, verbrannt und oftmals zerstört. Dafür gab es unter der Einparteienherrschaft der GMD viele Jahrzehnte lang eine Militärdiktatur. Erst Ende der 1980er Jahre wurde mit der Aufhebung des Kriegsrechts (1987) die Transformation zum heutigen demokratischen Mehrparteiensystem möglich.

Ein relativ junges Kapitel der Geschichte der Insel ist die Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Vom Umgang mit den Ureinwohnern über die Zeit der japanischen Besatzung hin zur Militärdiktatur unter den GMD, findet diese innerhalb von Politik, Gesellschaft und Kultur statt.

Die untenstehende Grafik zeigt, wie sich das Selbstverständnis der Einwohner Taiwans seit 1992 gewandelt hat. Mit über 63% geht der Trend eindeutig in Richtung nationale Identität als “Taiwanisch”. Persönliche Eindrücke und Gespräche im Herbst 2022 lassen einen Generationenunterschied erkennen. Junge Taiwanerinnen und Taiwaner betonen die eigenen Identität, manchmal mit Stolz, und grenzen sich vom Festland ab. “Wir sind anders”, hörte ich oft.

https://esc.nccu.edu.tw/upload/44/doc/6961/People202206.jpg

(Taiwanese / Chinese Identity(1992/06~2022/06). Grafik: Election Study Centre; https://esc.nccu.edu.tw)

Japanisches Erbe in Taipeh allgegenwärtig

Beim Aussteigen aus dem Bus erinnere ich mich an die Worte vieler Festlandchinesen, die oft sagten, sie mögen Taiwan nicht. Es sei ihnen zu japanisch. Die Abneigung gegen Japan ist auf dem Festland weit verbreitet und hat ihren Ursprung in den beiden Sino-Japanischen Kriegen (1894-1895; 1937-1945). Bis heute wird das Fehlen einer Entschuldigung des japanischen Staates für Kriegsverbrechen der japanischen Armee angeführt.

Die Tage in  Taipeh ließen mich schnell verstehen, warum es ihnen „zu japanisch“ sei. Die Hinterlassenschaften und Einflüsse Japans sind allgegenwärtig und lebendig. Sei es Infrastruktur, Architektur, Kultur. Viele der Gebäude, darunter die ältesten der Stadt, wurden im japanischen Stil erbaut. Auch beim Essen gehen oder dem durchblättern eines Buches im Buchladen werden japanische Einflüsse und Vorlieben deutlich. So wird gerne Sushi, Ramen, oder Yakitori gegessen und es wird „rückwärts“ gelesen. Darüber hinaus wirkt der Alltag geregelter und strukturierter, und damit anders als auf dem vergleichsweise chaotischen Festland. Auch modisch scheint ein Einfluss Japans vorhanden zu sein. Viele dieser – wenn auch oberflächlichen – ersten Eindrücke lassen das Bild einer insgesamt offeneren, bunteren, freieren Gesellschaft entstehen.

Dies zeigt sich dem Besucher vielerorts. In Zeitungen und Buchläden, wo kritische Meinungen und Bücher problemlos verbreitet werden Auf den Nachtmärkten, wo Stände reihenweise DVDs verkaufen, die sich einzig einem einzigen Thema widmen: Sex. Oder in einem Viertel im Zentrum, wo Regenbogenfahnen demonstrativ wehen. Aber auch die zahlreichen, oftmals prächtig-protzigen Tempel und Kirchen, in denen Glaube und Religion ausgelebt werden können, sind Zeichen dieser Freiheit im Alltag.

Konsumgesellschaft Taiwan

Am wichtigsten aber scheint hier eines zu sein: Der Taiwan Dollar muss rollen. Es ist eine Kultur, in der Konsum als Lebenssinn und Freizeitbeschäftigung für Fortgeschrittene gelebt und angestrebt wird. Und hier nähern sich die Gesellschaften zu beiden Seiten der Taiwanstraße auch wieder an.

Allgegenwärtig ist auch die Affinität zur Technik. So gut wie jeder ist hier bereits eine Symbiose mit dem Smartphone eingegangen. Immer online, immer irgendwo im virtuellen Raum unterwegs. Noch perfekter ist das Glück dann scheinbar nur noch, wenn man mit der anderen Hand auch noch gleichzeitig etwas essen kann. Paralleler Konsum in Form des Smartphones und von leiblichen Speisen sind eindeutige Lieblingsbeschäftigungen – ob beim sitzen, gehen oder stehen.

Die sieben Millionen Stadt hat Konsumentinnen und Konsumenten hierzu unbegrenzt und nahezu rund um die Uhr Möglichkeiten zu bieten. Moderne Gotteshäuser wie Einkaufszentren und Shopping Malls gibt es in Hülle und Fülle. Wenige aber versinnbildlichen und verkörpern Konsum und den Aufstieg Taiwans so sehr wie das Taipeh 101. 2004 eröffnet, galt es mit 508m Höhe bis zur Eröffnung des Burj Khalifa (828m) 2009 in Dubai als höchstes Gebäude der Welt. Heute ist es immerhin noch das zweithöchste Bürogebäude der Welt. Im Innern befindet sich alles, was das einkaufswütige Herz begehrt. Wesentlich interessanter jedoch war, was sich vor den Pforten dieses Monuments der Konsums abspielte.

Taipei 101 – Konsum und Propaganda

An der Straße direkt vor dem Taipeh 101 herrscht reger Betrieb. Teil dessen sind zahlreiche Reisebusse, die ankommen, abfahren, am Straßenrand stehen. Reisegruppen von Festlandchinesen werden in ihnen zu diesem Wahrzeichen der Stadt heran gekarrt. Während die Frauen nach dem Aussteigen vom Bus größtenteils zielstrebig direkt in Richtung Eingang strömen und im mehrstöckigen Labyrinth verschwinden, bleiben Grüppchen von Murse-tragenden und rauchenden Männern vom Festland im Freien stehen. Sie werden Teil einer Szenerie, wie sie mir in ähnlicher Form zuletzt in einer beliebten Fußgängerzone in Moskau begegnet war.

Wenige Meter von der Haltestelle der Reisebusse entfernt sitzt ein gutes halbes Dutzend Menschen im Lotossitz auf dem Boden. Sie alle tragen gelbe Westen und meditieren schweigend inmitten des Trubels. Vor dem Grüppchen halten ein Mann und eine Frau ein großes gelbes Banner in die Höhe. Zwei weitere stehen vor Tafeln mit zahlreichen Bildern, auf denen schreckliche Folterszenen abgebildet sind. Aus einem kleinen Lautsprecher tönt leise eine Stimme, die über diese Mahnwache aufklärt. Auf den Westen und dem Banner steht „Falun Gong ist gut“ geschrieben. Auf den Tafeln ist von zigtausend ermordeten die Rede, für deren Tod die Kommunistische Partei Chinas verantwortlich sein soll. Die Anhänger von Falun Gong werfen der KP seit Jahren Verfolgung, Folter, Organ- und Menschenhandel vor. In China wurde die Meditationsbewegung 1999 verboten und wird seither mit aller Härte verfolgt.

Wie in vielen Teilen der Welt sitzen und stehen die Anhänger von Falun Gong an diesem Tag auch in der Hauptstadt Taiwans auf der Straße und demonstrieren. Direkt vor dem Taipei101, mit all den Touristen vom Festland, wollen sie mit großer Reichweite auf ihre Lage aufmerksam machen.

Bereits wenige Wochen zuvor begegnete mir schon einmal ein Grüppchen dieser still Meditierenden und Protestierenden auf einer belebten Moskauer Einkaufsstraße. Schnell kam dort die Polizei herbei, um nach dem Rechten zu sehen. Als ich wenig später wieder an der Stelle vorbei kam, war die Mahnwache bereits wieder aufgelöst und die öffentliche Ordnung wiederhergestellt worden.

Vor dem 101 in Taipeh standen kurzzeitig auch zwei Streifenpolizisten. Sie griffen aber nicht in das Geschehen ein und ließen Falun Gong-Anhänger, als auch zwei ältere Herren, die gegenüber auf eigene Art und Weise aktiv waren, gewähren. Seit der Aufhebung des Kriegsrechts genießen die Bürger der Insel demokratische Errungenschaften wie Presse-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit – und machen davon auch Gebrauch.

Auf der Straße vor dem Wolkenkratzer geht es hochpolitisch zu. Auf der einen Seite Kritik an der KP Chinas, gegenüber auf der anderen Seite weht der Wind aus einer anderen Richtung. Neben der Nationalflagge Taiwans weht auch eine große Flagge der Volksrepublik. Es ist die Bühne zweier patriotischer Herren. Einer von ihnen steht stramm unter der Fahne der VR China und singt eifrig patriotische Volkslieder. Mancher Besucher vom Festland ist begeistert und stimmt munter in den Gesang ein. Singen ist wie in weiten Teilen Asiens auch auf beiden Seiten der Taiwanstraße ein beliebter Volkssport.

Noch mehr Aufmerksamkeit zieht der andere der beiden älteren Herren auf sich. Er ist ständig in Bewegung und zieht zwischen Fernbus, Fahnenmast, Folterbildern und Festlandtouristen seine Kreise. „Das ist ein US-Köter“ ruft er mehrmals lautstark und drischt dabei mit seinem Stock auf einen Stoffhund ein, den er auf Rollen befestigt hat und wie einen Koffer vor sich her schiebt. „Wir brauchen die Amerikaner nicht, wir brauchen Euch!“ ruft er. Bekenntnisse wie dieses zur dringend notwendigen Vereinigung der getrennten Brüder – unter der Führung der Kommunistischen Partei – und viele andere kommen voller Inbrunst aus der Kehle dieses rüstigen Rentners. Einer der Herrentaschen-Träger vom Festland hebt vor lauter Freude über so viel Sympathie und Solidarität den Daumen in Höhe und sagt „das ist richtig, das ist gut.“

Ob die beiden rüstigen Patrioten sich diesen Ort selbst ausgesucht haben und lediglich aus reiner Vaterlandsliebe genau gegenüber den Falun Gong-Anhängern für „ein Land, ein System“ eintreten, könnte sein. Es könnte aber auch ein bewusst geplantes strategisches Ablenkungsmanöver sein, um von den schockierenden Bildern und der leisen Kritik an einer Partei abzulenken, die es sich aufs Äußerste verbittet, kritisiert zu werden. Den Kampf um die Aufmerksamkeit der Kontinentalchinesen haben die beiden Herren zumindest an diesem Abend jedenfalls gewonnen.

Ein Besuch des Taipei101 Ende 2022 bot ein von Pandemie und politischen Spannungen geprägtes Bild. Das Taipei101 ragt nach wie vor in den Abendhimmel, doch innen wie vor dem Konsumtempel ist es insgesamt etwas ruhiger geworden. Vor allem macht sich das Ausbleiben der kaufkräftigen Touristen vom Festland bemerkbar. Kein einziger Reisebus weit und breit, und somit auch keine Bühne, auf der es sich um die Aufmerksamkeit Vorbeigehender zu buhlen lohnt. Der damals belebte Platz, wo sich die oben beschriebene Szene abspielte, war diesmal einfach ein Stück Asphalt mit einer Haltestelle in der Nähe, an der ein paar maskentragende Menschen auf den nächsten Bus warteten.

Mehr zum Thema:

DW: Eine Zukunft für Taiwans Ureinwohner

Videoreportage über die Atayal, Taiwans zweitgrößtes indigenes Volk, und wie sie ihre Kultur erhalten wollen.

#94 Wahlen in Taiwan 2022

https://www.sinoskop.de/blog/kommunalwahlen-in-taiwan-2022/


 

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1 Kommentar

  1. Interessant, dieser nahe Blick des Autors auf die Menschen dieser Region. Ob die TaiwanerInnen mitbekommen, dass es in der globalen Politik weniger um die Rettung der Demokratie auf ihrer Insel geht als um die ihnen zugedachte Funktion bei der Aufrechterhaltung des status quo beim Streit um die Rolle als Weltmacht Nr.1 ?
    Das 1997 veröffentlichte Buch „The Grand Chessboard“ von Obama-Berater Zbigniew Brzezinski gewährt einen tiefen Einblick in die langfristigen Interessen amerikanischer Machtpolitik. Es enthält einen analytischen Abriss der geopolitischen Zielsetzungen der USA für einen Zeitraum von 30 Jahren.
    Der deutsche Titel des Buches „Die einzige Weltmacht“ bezeichnet den erklärten Willen der USA, die „einzige“ und – wie Brzezinski es nennt – sogar „letzte“ Weltmacht zu sein. Siehe u.a. dazu: https://www.blaetter.de/ausgabe/2008/juli/die-welt-als-schachbrett

    Dazu: “2034” Ein Roman über den nächsten Weltkrieg.
    In den Vereinigten Staaten hat der Roman “2034”, den der ehemalige NATO-Oberbefehlshaber James Stavridis und der Afghanistan-Veteran Elliot Ackerman in diesem Frühjahr veröffentlicht haben, fast aus dem Stand den Sprung auf die Bestsellerliste der New York Times geschafft. Das Thema: nichts Geringeres als “der nächste Weltkrieg”, wie es im Untertitel heißt – ein Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China, der mit einer Konfrontation im Südchinesischen Meer anfängt und sich rasch zum massenmörderischen globalen Gemetzel ausweitet. “2034” – gemeint ist das Jahr, in dem dieser Krieg beginnen könnte – soll mittlerweile allein in den USA in mehr als 100.000 Exemplaren verkauft worden sein: Offenbar wird in wachsendem Maß realisiert, dass der fern scheinende Fluchtpunkt, auf den die kontinuierliche Politik der immer schärferen Konfrontation der westlichen Mächte gegenüber China hinausläuft, durchaus blutige Realität werden kann, und das vielleicht sogar schon bald.
    https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/8631/

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