#96 China beendet Null-Covid Politik

China Fallzahlen Covid19
Zeitstrahl Covid19 in China. 25.01.2020 - 01.01.2023. Quelle: Johns Hopkins

Gegenwärtig ist die Prävention und Kontrolle von COVID-19 in eine neue Phase eingetreten, in der noch mehr Anstrengungen benötigt werden. Alle bemühen sich immer noch beharrlich. Die Morgendämmerung steht kurz bevor. Lassen Sie uns noch mehr leisten, denn Beharren und Einheit führen zum Sieg.

Xi Jinping, Neujahrsansprache, 01.01.2023

Ende der Null-Covid Politik in China

Der 8. Januar 2023 ist ein historischer Tag für China. China hat die strikten Maßnahmen der Null-Covid Strategie abgeschafft, erstmals seit gut drei Jahren müssen Einreisende nicht in Quarantäne. Nach über 1001 Tagen kommt es zur langersehnten Öffnung des bevölkerungsreichen und wirtschaftsstarken Landes.

Am Daxing Flughafen in Peking war die Freude groß:

Auch zwischen Hongkong und dem Festland fielen die meisten Einreisebestimmungen. Ab dem 8. Januar dürfen täglich rund 60.000 Hongkonger wieder ins Festland einreisen. Ein PCR-Test bleibt weiterhin Voraussetzung, auch ist meist eine Online-Registrierung vorab nötig. Der Andrang auf die entsprechende Webseite war massiv und führte zum Zusammenbruch des Buchungssystems.

Aus Die Woche im Sinoskop (KW1/23) zum Ende von Null-Covid in China.

Am 7. Dezember 2022 besiegelte die Zentralregierung in Peking das Ende der Null-Covid Politik und vollzog damit einen radikalen Kurswechsel. Seither findet in der Volksrepublik eine nahezu unkontrollierte Durchseuchung statt.

Ende Dezember sollen etwa drei Viertel der Bevölkerung in der Hauptstadt erkrankt oder wieder genesen sein. Ähnlich ist die Lage entlang der Ostküste und in den Metropolen des Landes. Berichte von Medikamentenmangel, überfüllten Krankenhäuser und Krematorien lassen wesentlich höhere Infektionszahlen und Todesfälle vermuten, als von staatlicher Seite verbreitete Zahlen. Am 30. Dezember beispielsweise meldete die Regierung rund 5500 Infektionen und einen Todesfall.

Die WHO gibt 210.660 bestätigte neue Fälle für die vergangenen sieben Tage an (Stand: 07.01.23). Gestorben seien am 2. Januar 472 Menschen. Die Zahlen für China sind aufgrund mangelnder Daten unvollständig, weist die WHO auf ihrem Health Emergency Dashboard hin und fordert mehr Transparenz von China.

Während die KP von wenigen tausend täglichen Neuinfektionen spricht, schätzte die britische Firma Airfinity Ende Dezember allein die Todesfälle auf rund 9000. Pro Tag. Offiziell unbestätigte Schätzungen gingen von 248 Millionen infizierten Menschen allein in den ersten drei Dezemberwochen aus.

Verschiedene Entscheidungen der chinesischen Regierung – “asymptomatische” Fälle nicht mehr in der Statistik zu führen (14.12), die bisher tägliche Veröffentlichung der nationalen Gesundheitskommission zur Entwicklung von Covid19 im Land einzustellen (24.12), oder das Verschwinden von Teststationen quasi “über Nacht”, haben zu dieser Intransparenz beigetragen.

Gut einen Monat nach dieser Kehrtwende wird sich das Land am 8. Januar – kurz vor dem Neujahrsfest am 21. Januar – wieder der Welt öffnen. Zumindest teilweise, zum Beispiel für Geschäftsreisende und Studierende. Auch Ausreisen aus touristischen Gründen werden für chinesische Staatsbürger damit wieder möglich sein. Die Öffnung des Landes für touristische Einreisen soll im Laufe des Jahres folgen.

Im Schatten einer drohenden globalen Rezession wird mit Blick auf China eine Erholung der Weltwirtschaft erhofft. Derweil reagieren Teile der Welt auf die Entwicklungen in der Volksrepublik mit einer Corona-Testpflicht für Einreisende aus China. Auch Deutschland hat eine solche eingeführt.

Die Regierung des Landes, welches sich gut drei Jahre lang nahezu komplett von der Welt abschottete und die wenigen Einreisenden mit drakonischen Einreisebestimmungen belegte, reagiert erbost auf diese Forderung nach einem Schnelltest. Und warnt jene, die China “nicht freundlich” gesinnt seien.

Der Kurs der Pekinger Führung, was internationale Zusammenarbeit und die Reaktionen auf die Einführung einer Testpflicht mehrerer Länder betrifft, gibt jenen Kritikern recht, die in China einen wenig vertrauenswürdigen Partner sehen.

Nicht zuletzt darf auch eine Politik kritisch hinterfragt werden, die in ihrer Rhetorik zwar stets das Wohlergehen des Menschen an die oberste Stelle stellt, in deren Folge bzw. Abwesenheit jedoch seit Wochen Tag für Tag hunderte bis tausende Menschen sterben. Das bevorstehende Neujahrsfest und die damit einhergehende Reisewelle Hunderter Millionen durch das Land reisender Menschen könnte diese Zahlen weiter in die Höhe steigen lassen.

Xi Jinping: Volk und Leben des Volkes als höchste Priorität

In seiner Neujahrsrede blieb sich Chinas Staats- und Regierungschef treu und sieht sein Land im Volkskrieg gegen das Virus auf dem rechten Pfad (Quelle: CRI).

Seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie haben wir konsequent daran festgehalten, dem Volk und dem Leben des Volkes die höchste Priorität einzuräumen. Gemäß der wissenschaftlichen und präzisen Epidemieprävention und -kontrolle wurden die Präventions- und Kontrollmaßnahmen entsprechend der Zeit und der Situation optimiert sowie angepasst, wodurch das Leben und die körperliche Gesundheit der Bevölkerung maximal geschützt wurden. Die breiten Volksmassen, insbesondere das medizinische Personal und die Mitarbeiter an der Basis, haben sich nicht vor mühsamen Anstrengungen gescheut und sind mit großem Elan und Mut zu Werke gegangen. Durch extrem harte Bemühungen haben wir beispiellose Schwierigkeiten und Herausforderungen gemeistert. Es war für alle schwer. Gegenwärtig ist die Prävention und Kontrolle von COVID-19 in eine neue Phase eingetreten, in der noch mehr Anstrengungen benötigt werden. Alle bemühen sich immer noch beharrlich. Die Morgendämmerung steht kurz bevor. Lassen Sie uns noch mehr leisten, denn Beharren und Einheit führen zum Sieg.

Dieses Narrativ der Erfolge wird auch weiter in den staatlichen Medien verbreitet. Laut Xinhua ist Chinas „neue Phase der Reaktion auf COVID“ rein wissenschaftsbasiert zum Schutz von Leben und Gesundheit der Menschen.

Die Bedrohung durch das Virus, die Immunität der Bevölkerung und die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems sowie die Maßnahmen des öffentlichen Gesundheitswesens [wurden] genau beobachtet. […] Bis Anfang November 2022 waren mehr als 90 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft worden. […] Auch die einzigartigen Stärken der traditionellen chinesischen Medizin werden genutzt, um schwere Fälle zu verhindern.

In Shanghai füllen sich Anfang  Januar die Krankenhäuser.

Kritische Stimmen zur staatlichen Covid-Politik werden in Chinas sozialen Medien zensiert. Einem Bericht der BBC zufolge sind auf Weibo zuletzt fast 13.000 Verstöße festgestellt über 1000 Nutzerkonten gesperrt worden.

China im Reisefieber nach Null-Covid

Einschätzungen eines Epidemiologen zur Gefahr des Coronavirus vor der Reiswelle vor dem Frühlingsfest:

Die über einen Monat lange Zeit um das chinesische Neujahr ist traditionell Reisezeit. Die Tourismusindustrie innerhalb der Volksrepublik, in Hongkong, Macau und Taiwan, sowie jene der asiatischen Nachbarn und darüber hinaus – sie alle hoffen jetzt auf die Rückkehr der Gäste aus China. Während der kommenden Wochen werden laut chinesischem Verkehrsministerium mehr als 2 Milliarden Reisen erwartet.

Für den Economist ist das Ende der Null-Covid Politik und die Öffnung Chinas ab dem 8. Januar schon jetzt das Wirtschaftsereignis des Jahres.

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Beitragsgrafik: Johns Hopkins Coronavirus Resource Center

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