#97 China auf dem World Economic Forum (WEF) in Davos

Liu He aus China auf dem World Economic Forum in Davos 2023
Liu He und Klaus Schwab, WEF2023. World Economic Forum/Faruk Pinjo via flickr, (CC BY-NC-SA 2.0)

For over 50 years, the World Economic Forum has provided space for leaders to engage in peer-to-peer deliberations in the spirit of improving the state of the world. Never has this mission been more important.

„Davos Spirit“. Webseite World Economic Forum Annual Meeting

China auf dem World Economic Forum in Davos

Nach drei Jahren pilgerten – meist per Flieger, gern im Privatjet – wieder mehr als 2700 Teilnehmende in die (noch) schneebedeckten Schweizer Alpen. Vom 16-20 Januar nahmen sie am 53. Weltwirtschaftsforum in Davos teil. Diesjähriges Motto: „Kooperation in einer fragmentierten Welt“.

Das letzte persönliche Treffen der globalen Elite von Entscheiderinnen und Entscheidern aus der Welt der Wirtschaft, Finanzen und der Politik, fand im Januar 2020 statt. Dazwischen gab es das Davos-Format nur virtuell.

Ein kurzer Rückblick.

WEF 2021: „The Great Reset“  

Angela Merkel und die „Stunde des Multilateralismus.“

Auf dem virtuellen Davos-Gipfel „The Great Reset“ hatte die Kanzlerin Anfang des Jahres einen ihrer letzten Auftritte auf der politischen Weltbühne.

Eröffnet wurde das Weltwirtschaftsforum von Chinas Staatsoberhaupt Xi Jinping und dessen Vision von Multilateralismus. In ihrer eigenen Videobotschaft sprach Frau Merkel von “verschiedenen Interpretationen von Multilateralismus” und Gesellschaftsmodellen, über die man “im Austausch sein” müsse. Stichwort Transparenz.

Die für ihren “Kuschelkurs” kritisierte Kanzlerin übte dabei auch leise Kritik an der Volksrepublik. Zu Beginn der Pandemie sei das Maß an Transparenz “vielleicht nicht ausreichend” gewesen.

Das Investitionsabkommen zwischen der EU und China sei ein “Pflock”, ein wichtiger Schritt für eine neue Qualität in vielen Bereichen, so Frau Merkel.

Aller Multilateralismus-Bekundungen Merkels und Xis zum Trotz sanktionierten sich die EU und China im Frühjahr 2021 gegenseitig. In der Konsequenz legte die EU im Mai weitere Verhandlungen zum Investitionsabkommen vorerst auf Eis.

Aus: #82 Deutsche Parteien & China 2021: Politik, Aktionen, Positionen (II) – CDU/CSU

#82 Deutsche Parteien & China 2021: Politik, Aktionen, Positionen (II) – CDU/CSU

Aus Die Woche im Sinoskop (KW4/21):

Das virtuelle Gipfeltreffen des Weltwirtschaftsforums unter dem Motto “Davos 2021 – The Great Reset” ging gestern zu Ende. Eröffnet wurde das Treffen von Veranstalter Klaus Schwab und Xi Jinping. Letzterer präsentierte per Videoaufzeichnung seine Version eines Multilateralismus “mit chinesischen Eigenschaften” und der “Schicksalsgemeinschaft der Menschheit mit einer gemeinsamen Zukunft”. Interessant fand ich, wie der Kapitalist Schwab diese Terminologie der KP in seiner Dankesrede aufgriff.

Begriffe aus der Welt des Xi Jinping-Gedankenguts finden längst nicht nur in den Vereinten Nationen Einzug, sondern auch in den Führungsetagen der globalen Wirtschaftseliten, und verändern so die Verhandlungsbasis und die letztlich die Realität. Volkswagen-Chef Herbert Diess (“China bewegt sich in die richtige Richtung”) und dem Präsidenten der EU-Handelskammer in China, Jörg Wuttke, (“von China lernen”) gefällt das. Und den Regierenden in Peking auch.

Während seiner Videobotschaft auf dem virtuellen Davos-Treffen nutzte Xi Jinping das Wort „Multilateralismus“ elf Mal. Herr Zhao, Pressesprecher des Außenministeriums, erklärte, „welche Art“ von Multilateralismus damit gemeint sei.

Zhao Lijian: Xi Jinping erwähnte “Multilateralismus” viele Male in seiner Rede, weil er den Puls der Zeit klar erfasst hat und die Herausforderungen der Zeit mit Vorschlägen Chinas lösen möchte.

„Globale Aktionen, globale Antworten und globale Zusammenarbeit“ seien nötig, um die „vier großen Aufgaben” für “die Menschen unserer Zeit“ zu bewältigen:

Zhao Lijian: Die Förderung des Weltwirtschaftswachstums, die Aufgabe ideologischer Vorurteile, die Überwindung des Nord-Süd-Gefälles und das gemeinsame Vorgehen gegen globale Herausforderungen.

Wir müssen den Multilateralismus aufrechterhalten und eine Gemeinschaft mit einer gemeinsamen Zukunft für die Menschheit aufbauen. [Xi] erläuterte auch, welche Art von Multilateralismus wir in unserer Zeit brauchen, indem er vorschlug, dass wir uns weiterhin für Offenheit und Einbeziehung statt für Abschottung und Ausgrenzung, für internationales Recht und Regeln statt für das Streben nach eigener Vorherrschaft, für Konsultation und Zusammenarbeit statt für Konflikt und Konfrontation und für das Schritthalten mit der Zeit statt für die Ablehnung von Veränderungen einsetzen sollten.

Präsident Xi legte einen Fünf-Punkte-Vorschlag für “Chinas Streben nach Multilateralismus in der Zukunft” vor. China werde eine aktive Rolle in der internationalen Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von COVID-19 einnehmen, eine Win-Win-Strategie der Öffnung umsetzen, nachhaltige Entwicklung fördern, Wissenschaft, Technologie und Innovation vorantreiben und eine neue Art von internationalen Beziehungen fördern.

Die Ansprache von Präsident Xi gibt den Kurs für die Welt vor und demonstriert Chinas Weisheit und Verantwortungsbewusstsein.

WEF 2022: „Working Together, Restoring Trust“

Wie im Vorjahr hielt Xi Jinping auch 2022 die Eröffnungsrede. Dabei glichen sich nicht nur Herr Xis Anzug, Krawatte, und der Hintergrund. Pandemie- und ideologiebedingt ähnelten sich die Reden auch inhaltlich. Man müsse im großen „Schiff“ der Nationen die „Welle der Entwicklung unserer Zeit reiten“ und der „Logik des historischen Fortschritts“ folgen.

WELT: Der doppelte chinesische Präsident

WEF: Special Address by Xi Jinping, President of the People’s Republic of China

WEF 2023: „Zusammenarbeit in einer fragmentierten Welt“

Dieses Jahr reiste Chinas Staatschef nicht zum WEF und übermittelte auch keine Videobotschaft. Eine solche gab es kurz vor dem chinesischen Neujahrsfest nur für das eigene Volk.

Vertreten wurde die Volksrepublik in Davos diesmal durch eine Gruppe um den stellvertretenden Ministerpräsidenten Liu He. Es sei die kleinste Delegation seit Jahren, und China nur in 4 von 200 Veranstaltungen direkt beteiligt gewesen, berichtet die South China Morning Post.

Zum Vergleich: Die USA waren laut Quartz mit über 27% bzw. rund 700 registrierten Teilnehmenden mit mehr Teilnehmenden vertreten als die nachfolgenden vier Länder zusammen.

Erwähnenswert ist auch, dass „Wertepartner“ Indien dieses Jahr mit 10 eigenen Pavillons und Veranstaltungen stark vertreten war. „Indiens Weg zur 10-Billionen-Wirtschaft“ lautete eine davon.

NZZ: Tata, Mittal und Nadella sind ihre liebsten Aushängeschilder: Wie es Inder schaffen, Davos zu vereinnahmen

China auf dem World Economic Forum 2023

„Davos tanzt mit dem Teufel“ titelte die Süddeutsche. China „sei nicht da“, und dann doch. Nämlich als „Zwitterwesen“, als größte Hoffnung für die Weltwirtschaft und größte Sorge zugleich.

Chinas Vizepremier nahm bereits 2018 am WEF teil. Die Teilnahme Liu Hes in diesem Jahr „zeigte der Welt noch einmal Chinas freundliches Gesicht“ (FAZ). Dessen Rede zielte vor allem darauf ab, beschädigtes Vertrauen wiederherzustellen, die Ängste ausländischer Unternehmen und Investoren zu entkräften, und China insgesamt als einen verläßlichen Partner auf internationaler Ebene zu präsentieren. Im Anschluss an das WEF traf Herr Liu noch US-Finanzministerin Janet Jellen zu Gesprächen in Zürich.

NZZ: China meldet sich zurück – und sorgt sich, ob es auch willkommen ist

Videobeiträge mit und über China vom WEF 2023

1) Liu Hes Rede zu Chinas Entwicklungszielen

WEF: Special Address by Liu He, Vice-Premier of the People’s Republic of China

Oder per Youtube:

2. CGTN-Journalistin Tian Wei berichtet sichtlich erfreut aus Davos und hat zwei Gesprächspartner der chinesischen Delegation zu Gast.

3. „Chinas nächstes Kapitel“ – Gesprächsrunde mit Li Xin, Nicolas Aguzin, Jane Sun, Kevin Rudd, Weng Jieming und Marcos Troyjo zu den wirtschaftlichen und politischen Entscheidung nach dem 20. Parteitag und deren globale Auswirkungen.

WEF: China’s Next Chapter

Oder per Youtube:

4. Graham Allison und Henry Kissinger tauschen historische Perspektiven zum Thema Krieg aus.

5. Gesprächsrunde mit Ian Bremmer, Péter Szijjártó, Ngaire Woods, Adam Tooze und Niall Ferguson zum Zustand der Globalisierung und deren Zukunftsaussichten.

WEF: De-Globalization or Re-Globalization?

Oder per Youtube:

#9 Slowbalisation statt globalisation – Viel los in Davos


Beitragsbild: Liu He und Klaus Schwab, WEF2023. World Economic Forum/Faruk Pinjo via flickr, (CC BY-NC-SA 2.0)

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