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#47 70 Jahre Volksrepublik China

Was kann man heute in China in einer einzigen Stunde erreichen? […] Die meisten Chinesen konnten sich 1949 nicht vorstellen, dass sie je ins Ausland reisen würden. Heute werden jede Stunde 19.000 Reisen von Chinesen ins Ausland unternommen. […] Und noch größere Wunder werden geschehen, wenn wieder eine neue Stunde vorbei ist.

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Inhalt

70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China

Trauertag in Hongkong 

01. Oktober 2019 – 70 Jahre Volksrepublik China

Zur Feier des 70. Jahrestages der Gründung der Volksrepublik feierte die Partei vor allem sich selbst und versetzte das Land bereits im Vorfeld in einen Ausnahmezustand. Straßensperren, verschärfte Kontrollen und Zensurmaßnahmen sollten den reibungslosen Ablauf am 1. Oktober in der Hauptstadt gewährleisten. Selbst Brieftauben wurde ein Flugverbot auferlegt. 70 Jahre Volksrepublik China – Sinoskop gratuliert.

Während der 80-minütigen Parade marschierten 15 000 Soldaten und 580 Militärfahrzeuge über den Platz des Himmlischen Friedens; 160 Kampfflugzeuge flogen über die Köpfe der Volksmassen hinweg. 100 000 Zivilisten, in Mao-Anzügen, Militäruniformen oder einr Volkstracht der über 50 ethnischen Minderheiten gekleidet, tanzten und sangen vor der Verbotenen Stadt.

Laut Guardian wurden 40% der bei der Militärparade zur Schau gestellten Ausrüstung und Technik „Made in China“ erstmalig dem Volk präsentiert. Neben Drohnen und weiterer Hochtechnologie-Militärtechnik auch verschiedene Modelle der Dongfeng-Raketen, mit hoher Reichweite und nuklearen Sprengköpfen bestückt. Diese Zurschaustellung des Arsenals dient neben dem Nationalstolz auch als Machtdemonstration über die Landesgrenzen hinweg.

70 Jahre Volksrepublik China. Zusammenfassung der Militärparade und der Rede Xi Jinpings:

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In seiner Rede spricht Präsident Xi von Errungenschaften und dem Wiedererstarken der Nation. „Keine Kraft kann die Fundamente dieser großen Nation erschüttern, keine Kraft kann den Pfad des chinesischen Volkes und der Nation aufhalten“. Der „Kern“ Xi bekennt sich zu „ein Land, zwei Systeme“ und spricht von der unvermeidlichen friedlichen Wiedervereinigung ganz Chinas. Die Wiedereingliederung sowohl Hongkongs als auch Taiwans ist für die Partei nur noch eine Frage der Zeit.

Abends gingen die Feierlichkeiten in der “neuen Ära” mit einer gewaltigen Choreographie samt Feuerwerk weiter:

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(National-)Trauertag in Hongkong

Während Regierungschefin Carrie Lam als geladener Gast auf der Tribüne saß, eskalierte die Lage in Hongkong. Trotz Demonstrationsverbot gingen auch am Nationalfeiertag wieder Hunderttausende auf die Straße, protestierten und demonstrierten gegen die Pekinger Führung und für die Erfüllung der fünf Forderungen (siehe auch #41). Bei dem sogenannten „Trauermarsch“ kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Volk und Staatsgewalt.

Gut 6000 Einsatzkräfte standen den größtenteils friedlich demonstrierenden gegenüber. Mehrfach machte die Polizei gestern von scharfer Munition Gebrauch. Neben Warnschüssen in die Luft wurde ein 18-jähriger Student aus nächster Nähe schwer verletzt und musste notoperiert werden. Mit zunehmender Gewalt auf beiden Seiten steigt die Wahrscheinlichkeit eines Eingreifen Pekings, trotz Xis’ Worten von Wohlstand, Frieden und Harmonie.

Bilder vom Trauermarsch in Hongkong:

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HONGKONGS Ungewisse Zukunft

In der westlichen Berichterstattung habe China wegen der Proteste und Ausschreitungen am Nationalfeiertag sein „Gesicht verloren“. Aus westlicher Perspektive mag das vielleicht zutreffen, nur wird dies den „Kern“ Xi und die Führung in Peking relativ wenig kümmern. Auch Vertreter der Wirtschaft in Hongkong zeigen sich zunehmend genervt von den geschäftsschädigenden Protesten.

Vorrangig zählt aber die Stimmungslage der Bevölkerung auf dem Festland. Dank ausgefeilter Zensur bekommt der Großteil nur ausgewählte Informationen vorgesetzt. Darüber hinaus bekommen Festlandchinesen wenig bis nichts von der Protestbewegung und deren Forderungen mit. Oder es dominieren dank des allumfassenden Partei-Narrativs Desinteresse und Unverständnis. Stattdessen wächst, geschürt durch den staatlich propagierten Nationalismus, der Unmut über die Hongkonger und Rufe nach einem harten Durchgreifen werden lauter.

Dies wäre leicht möglich, wenn Regierungschefin Lam den Notstand ausruft. Medienberichten zufolge wurde die Militärpräsenz auf der Insel in den letzten Wochen bereits etwa verdoppelt. Demnach könnte die aktuelle Truppenstärke 10 000 – 12 000 betragen, darunter paramilitärische Einheiten wie die bewaffnete Volkspolizei. Und auch im benachbarten Shenzhen sind Einheiten der Volksbefreiungsarmee allzeit einsatzbereit. Dies wäre dann tatsächlich ein enormer “Gesichtsverlust” mit weitreichenden Folgen.

Wahrscheinlicher ist eher ein weniger offensichtliches Eingreifen, Peking steht eine Reihe indirekter Druckmittel zur Verfügung,  Neben der Unterwanderung der Hongkonger Polizei mit Kollegen vom Festland gehört die Macht der Daten ebenso dazu wie Anweisungen an Schulen und Universitäten, Aufmüpfige langfristig aus den Bildungseinrichtungen zu werfen.

Ungeachtet all dessen werden in der „Goldenen Woche“ wieder Zigmillionen Chinesen kreuz und quer durch das Land reisen, in den Urlaub oder zur Familie. In Hongkong allerdings dürften die Zahlen der Touristen geringer ausfallen als in den Vorjahren.

70 Jahre Volksrepublik China

“China’s 60th Anniversary Parade” by alxhe is licensed under CC BY-NC-SA 2.0

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FAZ: Das Wunder von Yixing

ND: Interview mit Prof. Lam von der Chinesischen Universität Hongkong

SZ: Ohne Feuerwerk

GUARDIAN: Proteste in Hongkong, Demonstrant angeschossen

FAZ(€): Propagandistische Kraftmeierei

HB: Pekinger Leistungsschau

Hörenswert:

DLF: Interview mit dem Sinologen Sebastian Heilmann

SZ: Podcast 70 Jahre VR China

DLF: Interview mit Journalist Kai Strittmatter


 

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