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#83 Bio-Produkte aus China 2021

Wir alle konsumieren sie, Bio-zertifizierte Lebensmittel und Produkte aus China. Ob als Einzelprodukte, wie z.B. Obst, Nüsse und Getreide, oder in Säften, Soßen und anderweitig verarbeitet.

Wieviel China steckt in unserem Bio-Lebensstil? Und groß ist die Nachfrage nach Bio innerhalb Chinas?

Dieser Beitrag wirft einen Blick auf die Entwicklung der Bio- und Öko-Lebensmittelindustrie in den letzten Jahren und in Zeiten der Pandemie.

Bio-Produkte aus China
in der EU

Der Bio-Boom bricht Jahr für Jahr Rekorde und kennt nur eine Richtung: steil nach oben. Allein in Deutschland wurden 2020 Lebensmittel und Getränke aus biologischer Erzeugung für 15 Milliarden Euro gekauft (Zum Vergleich: 2019 waren es knapp 12 Mrd. €, 2015: 8,62 Mrd. € ) [1].

Weltweit ist Deutschland damit nach den USA (Umsatz 2019: knapp 45 Mrd. €) das Land mit dem zweitgrößten Absatzmarkt für Lebensmittel aus biologischer bzw. ökologischer Erzeugung.

In der gesamten EU wurden 2019 rund 41 Mrd. € für Bio-Lebensmittel ausgegeben und insgesamt 3,24 Millionen Tonnen Bio-Lebensmittel eingeführt [2]. China war hier der größte Einzelimporteur von Bio-Produkten; 13,4% der importierten Bio-Lebensmittel kamen aus der Volksrepublik [3].

Obst, Nüsse, Gewürze, Tee und Ölkuchen (Nahrungsergänzungsmittel in der Futterindustrie) gehören zu den am häufigsten eingeführten Bio-Produkten.

Ein Jahr später musste das Land die Rolle als Spitzenreiter allerdings wieder abgeben. 2020 landeten die Importe aus China mit 8% nur noch auf dem dritten Platz, hinter Ecuador und der Dominikanischen Republik. Wurden 2019 gut 360.000 Tonnen Bio-Erzeugnisse aus China eingeführt, waren es 2020 nur noch 230.000 Tonnen, was einem Rückgang um mehr als 36% entspricht.

Bio und Öko als Teil der Xiplomatie

Xiplomatie: mit Redewendungen wie “Grün ist Gold” (绿水青山就是金山银山) bzw. die “zwei Berge” (两山论) hat Xi Jinping den Umweltschutz – und damit auch die ökologische Landwirtschaft – höchstpersönlich ganz oben auf die politische Agenda gesetzt.

Der Übergang zu einer neuen Ära der “Ökozivilisation” (Ecological Civilisation / 生态文明) und der Aufbau eines “schönen Chinas” (美丽中国) seien Schlüssel zur Armutsbekämpfung. Und letztlich zur Verwirklichung des “Chinesischen Traums”, dem Wiedererstarken der Nation.

Auf dem UN-Klimagipfel verkündete Xi Jinping im Dezember 2020 die ambitionierten Umwelt- und Klimaziele seines Landes:

#75 UN-Klimagipfel „Climate Ambition Summit 2020“ & China

Die Ankündigungen für mehr Umweltschutz und Klimaneutralität spiegeln sich auch im aktuellen 14. Fünfjahresplan (2021-2025) wieder.

Siehe dazu auch: Carbon Brief Q&A: What does China’s 14th ‘five year plan’ mean for climate change?

“Ökozivilisation mit chinesischen Eigenschaften”

Mit seiner Reise durch den ländlichen Raum im September 2020 setzte Xi ein weiteres Zeichen für die “Ökozivilisation mit chinesischen Eigenschaften” und bescherte den besuchten Erzeugern landwirtschaftlicher Produkte nebenbei hohe Umsätze. Diese bringen ihre Waren dank 5G und moderner Infrastruktur inzwischen per Influencer und Livestream in kürzester Zeit direkt an den Mann und an die Frau.

Mit dem Wohlstand steigt auch die Nachfrage nach sauberen und gesunden Lebensmitteln in der Bevölkerung stetig. Besonders unter der in den Großstädten lebenden Mittelschicht ist Öko und Bio Teil des Lebensstils.

Bio-Super- und Bauernmärkte, Landwirtschaftskooperativen und Restaurants haben sich in den Millionenstädten des Festlands längst etabliert. In den Restaurantverzeichnissen der jeweiligen Stadtmagazine finden sich z.B. in Peking und Shanghai mehrere Dutzend “Organic Restaurants”.

Der Markt für Bio- und Öko-Lebensmittel in China

Und die Zahlen belegen die wachsende Nachfrage. Nach den USA und Deutschland ist China der weltweit drittgrößte Absatzmarkt für Bio-Lebensmittel.

2019 wurden etwa 809.800 Tonnen gekennzeichnete Bio-Produkte verkauft, der Gesamumsatz betrug 67,82 Mrd. Yuan (etwa 8,5 Mrd. €), so die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua unter Berufung auf einen Bericht der staatlichen Verwaltung für Marktregulierung.

Die Anzahl der in China ausgestellten Zertifikate für Bio-Produkte verzeichnete dem Bericht zufolge von 2015-2019 ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 13,76%. Im Jahr 2019 sollen 2,12 Mrd. Bio-Lebensmittel-Labels ausgegeben worden sein.

2020 wurden als Reaktion auf die steigende Nachfrage 89 zusätzliche Zertifizierungsstellen geschaffen.

Während in Deutschland und den meisten Ländern der Welt der Messebetrieb seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie stillsteht, fand die BIOFACH China, der Ableger  der Nürnberger Weltleitmesse für ökologische Konsumgüter, sowohl 2020 wie 2021 in Shanghai statt. Knapp 10.000 Aussteller zeugen vom Wachstumspotential der Bio-Branche.

Bio- und Öko-Lebensmittel “Made in China”

Trotz der steigenden Nachfrage nach Erzeugnissen aus biologischer Landwirtschaft national wie international ging die Anbaufläche in der Volksrepublik jedoch zuletzt zurück.

Im Zeitraum 2018 – 2019 wurden in China 919.000 Hektar weniger als Bio-Anbaufläche bewirtschaftet (ein Minus von 29% im Vergleich zum Vorjahr). Die Bio-Anbaufläche betrug 2019 somit insgesamt 2,216 Mio. Hektar, was 0,4% der Gesamtfläche entspricht [3].

Mit knapp 2,3 Mrd. Hektar ökologisch genutzter Anbaufläche hat der Nachbar Indien die Volksrepublik 2019 erstmals als Bio-Produzent überholt. Auch bei der Produktion von Bio- Baumwolle ist Indien mit über 50% der Produzent Nr. 1, gefolgt von China mit 13% [3].

Bio-Produkte aus China – Fazit

Düngemittelverbrauch (Kilogramm pro Hektar Ackerland) - China
Düngemittelverbrauch (Kilogramm pro Hektar Ackerland) – China (Quelle: World Bank)

2018: 393.215 Kilogramm pro Hektar Ackerland Düngemittelverbrauch in China (Deutschland: 166.481 / EU: 154.84)

Pestizideinsatz in China
Pestizideinsatz in China 1990 – 2018 (Quelle: Food and Agriculture Organization of the United Nations [FAO])

Der jährliche Pestizideinsatz in China liegt seit Jahren konstant weit über 1,5 Millionen Tonnen (EU 2017: < 400.000 Tonnen).

Die beiden Grafiken zeigen, dass China nach wie vor weltweit zu den Ländern mit dem höchsten Verbrauch an Düngemitteln und Pestiziden gehört.

Landwirtschaftlich genutzte Fläche für Bio-Anbau in China rückläufig 

Gleichzeitig ging die landwirtschaftlich genutzte Fläche für den Bio-Anbau in China zuletzt zurück, trotz steigender Nachfrage im In- und Ausland. Der Einsatz von moderner Technik, von „Smarten“ Technologien bis zu „grüner Gentechnik“ in der Landwirtschaft kann höhere Erträgen bei sinkenden Anbauflächen bringen.

Inwieweit sich dies mit den – je nach Zertifizierung – mehr oder weniger strengen Anbaurichtlinien für den ökologischen Landbau verträgt, ist eine andere Frage.

Auch bleiben zahlreiche Probleme bestehen. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Lebensmittelskandalen, zu Betrugsfällen bei der Vergabe von Bio-Qualitätssiegeln, wurden zu hohe Schadstoffwerte festgestellt.

Das Vertrauen vieler Verbraucher in China in die eigene Bio-Industrie und deren Erzeugnisse war deshalb beschädigt und ist es auch heute noch, wie das große Interesse an importierten Bio-Produkten zeigt.

Welche Möglichkeiten der chinesische Bio-Markt zukünftig für ausländische Erzeuger und ihre Produkte bringt, lässt sich in Zeiten von Diversifizierung und des Systemwettbewerbs, von „Einhegung“ bis zur „Eindämmung“, schwer sagen.

Die Eskalation des Konflikts zwischen Australien und China zeigt, wie schwierig der Zugang zum größten Markt der Erde werden kann, wenn die Führung in Peking in die Sanktionskiste greift und Strafzölle auf Lebensmittel erhebt.

Es ist davon auszugehen, dass die Parteiführung in Peking nicht nur die heimische Hochtechnologie, sondern ebenso die heimische Bio-Industrie fördern wird. Auch dies im Sinne der gewünschten Unabhängigkeit von ausländischen Importen.

Bis die von Xi Jinping propagierte „Ökozivilisation“ Wirklichkeit wird, bleibt noch ein weiter Weg zu gehen. Damit ist China nicht allein. Die Transformation zu einem nachhaltigen Wirtschaften ist eine globale Herausforderung.

#24 Zwischen Boom und Betrug: Bio-Lebensmittel aus China

 

#17 Bio-Lebensmittel aus China


Quellen:

[1] Bund Ökologische Landwirtschaft BÖLW, Branchenreport 2016, 2021. https://www.boelw.de/.

[2] The World of Organic Agriculture – Statistics and Emerging Trends 2021. https://www.fibl.org/fileadmin/documents/shop/1150-organic-world-2021.pdf.

[3] European Commission (2019, 2020); EU imports of organic agri-food products – Key developments in 2019 = EU Agricultural Market Brief No 17 of June 2020. EU imports of organic agri-food products – Key developments in 2020 = EU Agricultural Market Brief No 18 of June 2021. European Commission, Brussels.  https://ec.europa.eu/info/food-farming-fisheries/farming/facts-and-figures/performance-agricultural-policy/studies-and-reports/market-analyses-and-briefs_en.

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