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#17 Bio-Lebensmittel aus China

Alles Bio oder was?

Bio-Lebensmittel aus China

Bio ist in aller Munde. Und Bio ist noch so viel mehr. Ein positives Lebensgefühl für die einen, ein lukratives Geschäft für die anderen. Ein klarer Fall von Win-win, oder ist da schon wieder etwas faul?

Inhalt

Bio-Lebensmittel aus China

China hat große Ziele & große Probleme

Bio-Lebensmittel aus China

Die gute Nachricht: Die Biobranche weltweit boomt, so der diesjährige „The World of Organic Agriculture“ Bericht. Global wuchs der Biomarkt auf einen neuen Wert von circa 90 Mrd. Euro an, Tendenz weiter steigend. 2017 war ein Rekordjahr für den Ökolandbau weltweit.

Die größten Absatzmärkte: Mit fast 50% Marktanteil stehen die USA unangefochten an erster Stelle, gefolgt von Deutschland (ca. 11%), Frankreich und China (beide <10%).

Die ökologischen Anbauflächen verzeichneten ebenfalls einen Rekordanstieg von 20% im Vergleich zum Vorjahr. Hier baute Australien mit fast 50% der Flächen seine Vorreiterstellung weiter aus, dahinter folgen Argentinien und China (beide ca. 5%).

In China sei der Markt seit 2006 um das 30-fache gewachsen, berichtet der National Geographic in einer lesenswerten Reportage zur chinesischen Landwirtschaft.

Die schlechte Nachricht: Weder hier noch dort ist nicht immer Bio drin, wo auch Bio drauf steht. Auch nicht, wenn Bio-Lebensmittel aus China kommen.

Im vergangenen Jahr wurden EU-weit in 390 Fällen Unregelmäßigkeiten bie Bio-Importen aus Nicht-EU Ländern gemeldet, zeigt eine EU-Statistik, die der Taz vorliegt. Den Löwenanteil von 17% betrafen dabei Bio-Produkte aus der Volksrepublik. Dies entspricht 9600 Tonnen an belasteten Bio Lebens- oder Futtermitteln, wie z.B. Obst, Gewürze, oder Tee.

Meist wurden Pestizide wie Glyphosat oder eine Kombination mehrerer Wirkstoffe festgestellt, deren Einsatz in der ökologischen Landwirtschaft verboten ist bzw. strengen Grenzwerten unterliegt.

Die Dunkelziffer der belasteten Bio-Importe dürfte tatsächlich noch höher liegen. Zum einen beschränken die Kontrollen sich auf Stichproben und sind nicht flächendeckend, zum anderen meldete ein Drittel der Mitgliedsstaaten trotz Bio-Importen überhaupt keine Fälle im vergangenen Jahr.

China hat auch in Sachen Bio große Ziele…

Seit Jahren gehört China zu den größten Exporteuren von Bio-Lebensmitteln, wovon der Großteil nach wie vor für den Export bestimmt ist. Aber auch im Inland steigt mit der wachsenden urbanen Mittelklasse (siehe auch #1) der Wohlstand, und damit die Nachfrage nach sauberen Lebensmitteln. Bereits seit 2007 gibt es in Shanghai den chinesischen Ableger der Biofach, der Weltleitmesse der Biobranche.

Ähnlich wie in der EU gibt es in der Volksrepublik eine Vielzahl an Bio-Siegeln, welche die Kriterien mal mehr oder weniger streng definieren. Und ähnlich problematisch gestalten sich Einhaltung und Kontrolle der jeweiligen Richtlinien. Auch in der Bio-Branche kommt es auf beiden Seiten Eurasiens immer wieder zu Etikettenschwindel in der Bio-Branche. Ob Schwermetalle in Speiseölen oder Giftstoffe in Eiern, die Liste verunreinigter Bio-Lebensmittel ist lang.

…und ebenso große Probleme

Produktfälschungen sind in China ein altbewährtes Mittel zur Gewinnmaximierung und beschränken sich nicht auf perfekte Designertaschen-Imitate. Vor allem aber sind es die gravierenden Mängel bei der Umsetzung der Umweltvorschriften, bei den Kontrollen und dem Monitoring zur Einhaltung der Gesetze, die es Betrügern leicht machen. Dabei gilt die das chinesische Umweltrechts als modern und strikt. Und das Umweltthemen eine zunehmend wichtige Rolle für die Parteiführung spielen, lässt sich in den formulierten Zielen der letzten Fünfjahrespläne verfolgen. In einem Anfang des Jahres veröffentlichten Artikel ruft Präsident Xi höchstpersönlich den Aufbau einer „ökologischen Zivilisation“ aus.

Die Partei hat den Kampf gegen die Verschmutzung längst aufgenommen – zu Land, zu Wasser, und in der Luft. Sie muss. Chinas Luft, der Boden und die Gewässer zählen zu den am stärksten belasteten weltweit. Doch oftmals scheitert die Umsetzung der strengen Umweltvorgaben der Zentralregierung in den teils weit entfernten Provinzen. In der Regel fehlt es an Personal, mal am mangelnden Willen. Und Korruption spielt nach wie vor eine gewichtige Rolle. Denn für lokale Interessengruppen aus Wirtschaft und Partei bedeutet die Einhaltung der Vorgaben aus Peking schlichtweg weniger Profit und ein Ende des umweltschädlichen Geschäftsmodells.

Fraglich bleibt generell, wie stark das Umweltbewusstsein unter den Akteuren der chinesischen Branche – vom Unternehmer bis zum Kleinbauern – inzwischen ausgeprägt ist; und wie vertraut sie mit den Richtlinien der ökologischen Landwirtschaft, wie z.B. denen des strengen Demeter-Siegels, sind.

Ebenso muss man sich hierzulande selbst Fragen zum eigenen Konsumverhalten und Öko-Verständnis stellen. Wie viel Bio bleibt übrig von Produkten, wie z.B. Sonnenblumenkernen, nach ihrer langen Reise von China bis in unsere Supermarktregale?


Siehe auch

#24 Zwischen Boom und Betrug: Bio-Lebensmittel aus China

#24 Zwischen Boom und Betrug: Bio-Lebensmittel aus China

#83 Bio-Produkte aus China 2021


Mehr dazu:

TAZ: Frau Li liebt Bio

THEGUARDIAN: Middle class turns organic

SPON(€): Ökotest scheitert in China

STERN: Die Bio-Mär

DLF: 10 Jahre nach dem Milchpulver Skandal


Beitragsbild: By Rico Shen – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4238163

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