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#58 China und das Corona-Narrativ: Mythen, Fakten, Alternative Fakten

In der aktuellen Corona-Pandemie und der Diskussion über Herkunft und Verbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 haben sich viele Unschärfen eingeschlichen. In den sozialen Medien – aber nicht nur dort – greifen Lügen, Mythen und Verschwörungstheorien um sich. Jede für sich verfolgt ein bestimmtes Ziel: Den politischen oder gesellschaftlichen Gegner, ein Land, eine Nation, eine Religion zu verunglimpfen und zu diskreditieren.

Webseite der Botschaft der VR China in Deutschland, April 2020

China und das Corona-Narrativ: Mythen, Fakten und alternative Fakten

Im Narrativ um die Deutungshoheit in der Coronakrise werden immer schwerere Geschütze aufgefahren. In der ersten Reihe steht der amerikanische Präsident, der „not happy“ ist mit China. Mit seinen Aussagen und Tweets gießt er munter weiter Öl ins Feuer der ohnehin angespannten internationalen Beziehungen.

Herr Trump und das Anti-China Lager in den USA drohen China mit „Konsequenzen“ und fordern Entschädigungszahlungen. Der chinesischen Regierung wird vorgeworfen, die Existenz des Virus über Monate verschwiegen zu haben. China trage somit die Schuld für dessen weltweite Verbreitung und müsse zur Kasse gebeten werden.

Auch zahlreiche Medien weltweit tragen mit einer bewusst einseitigen Berichterstattung aktiv zu diesem Corona-Narrativ mit dem klaren Feindbild China bei. Für den amerikanischen Sender FOX News ist es „Fakt“, dass China für die Pandemie verantwortlich sei.

Hierzulande inszeniert BILD sich als Anwalt von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten und präsentiert eine “Corona-Rechnung” – „Was China uns jetzt schon schuldet“.

„Desinformation“ und „Infodemie“

Die vermeintliche Einflussnahme von chinesischer Seite auf Politik, Wirtschaft und Institutionen in Europa sorgt seit Jahren immer wieder für Schlagzeilen. Im Wettstreit der Corona-Narrative schlagen die Wellen wieder besonders hoch:

Zur Frage, ob es sich hierbei um eine “koordinierte Desinformationskampagne” handelt, kommentiert Herr Bütikofer, China-Experte des EU-Parlaments.

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Mehr Transparenz und Aufarbeitung gefordert

Die Rolle Chinas im Umgang mit der Ausbreitung des Coronavirus wird von Politikern aus Australien, Europa und Nordamerika zunehmend hinterfragt und offen kritisiert. Sie verlangen mehr Transparenz und fordern eine internationale Untersuchung.

Im Sinoskop: China und das Corona-Narrativ – „16 Mythen und Fakten“ (Nr. 1–5)

China sieht sich als Opfer einer „Infodemie“ und verteidigt das eigene Narrativ vehement mit einer Gegenoffensive. Auf der internationalen Bühne nutzen ranghohe diplomatische Vertreter hierfür Mittel, die innerhalb Chinas verboten sind. Mit den “Waffen des Feindes” wird zurückgetwittert.

Die Botschaft der Volksrepublik China in Deutschland ist auch Teil der chinesischen Strategie zur Verbreitung der eigenen Sicht der Dinge. Auf der Botschafts-Webseite wurde Ende April ein ausführlicher Text mit dem Titel „China und Covid-19: 16 Mythen und Fakten“ veröffentlicht. Man wolle mehr „Sachlickeit, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit“ in eine Debatte voller „Un- und Halbwahrheiten“ bringen, schreibt die Botschaft.

Jeder einzelne der 16 Mythen wird mit einem „Fakt“ widerlegt. Diese Fakten werden im folgenden originalgetreu zitiert. Auf jeden Fakt folgen Begründungen und Verweise der Botschaft. Diese werden hier nur verkürzt wiedergegeben.

Zur direkten Gegenüberstellung füge ich nach jedem Mythos eine Auswahl „alternativer Fakten“ hinzu. D.h. Fakten, die aus dem Rahmen fallen weil sie nicht in das chinesische Narrativ passen bzw. unerwähnt bleiben.

Mythos Nr. 1: China hat das Coronavirus SARS-CoV-2 in Laboren gezüchtet

Fakt: Das Coronavirus SARS-CoV-2 ist natürlichen Ursprungs.

Begründung: Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) deuten „alle verfügbaren Hinweise darauf hin, dass SARS-CoV-2 einen natürlichen tierischen Ursprung hat und kein von Menschen erzeugtes Virus ist“. „Wissenschaftlich [sei] nicht abschließend geklärt“, „woher genau“ das Virus komme. Eine Reihe wissenschaftlicher Studien und Artikel „lehnen […] die Theorie des Labor-Ursprungs strikt ab“. Forscher hielten ein „Labor-Szenario für nicht plausibel“.

(Alternativer Fakt: Der Ursprung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 ist nach wie vor ungeklärt.)

Mythos Nr. 2: Das SARS-CoV-2 ist durch einen Unfall dem Labor des Wuhan Institute of Virology (WIV) entwichen

Fakt: Das WIV hat mit dem Ursprung des SARS-CoV-2 nichts zu tun.

Begründung: „Das Nationale Labor für Biologische Sicherheit des WIV hat die biologische Schutzstufe 4“ (vergleichbar mit dem Hochsicherheitslabor des RKI in Berlin). Es befinde sich 30Km außerhalb des Stadtzentrums von Wuhan und „aus dem Hochsicherheitslabor kann nichts nach außen dringen, was nicht nach außen dringen darf.“

In einem Interview mit dem stellvertretenden Leiter des WIV im staatlichen Fernsehsender CGTV stellte dieser klar, das SARS-CoV-2 „auf keinen Fall aus dem WIV gekommen“ sei.

Vielmehr sei die „Verschwörungstheorie über das Entweichen von Covid-19 aus dem WIV eine gezielt eingesetzte Desinformationswaffe der Trump-Administration“, vergleichbar mit der „gezielten Desinformationskampagne […] über angebliche irakische Massenvernichtungswaffen im Irak“.

(Alternativer Fakt: Auch von chinesischer Seite stellten die Staatsmedien und ranghohe Politiker u.a. die Behauptung auf, das Virus sei vom US-Militär nach Wuhan “eingeschleppt” worden.)

Mythos Nr. 3: Das neuartige Coronavirus ist ein chinesisches Virus, denn es kommt aus Wuhan

Fakt: Das neuartige Coronavirus heißt SARS-CoV-2 und Wuhan ist der Ort, in dem die Krankheit Covid-19 zuerst gemeldet wurde. Aber es ist nicht unbedingt der Ursprungsort des SARS-CoV-2.

Begründung: Wo der „genaue Ursprungsort des Virus ist, ist noch nicht wissenschaftlich abschließend ermittelt.“ Es komme oft vor, „dass der Ort, wo ein neues Virus erstmals gefunden wurde, nicht der Ursprungsort des Virus ist“, als Beispiel werden der HIV/AIDS-Virus und der Marburg-Virus genannt.

Die Botschaft verweist auf die Empfehlungen der WHO „wie neue menschliche Infektionskrankheiten und Krankheitserreger zu benennen sind“ und kritisiert „Rassismus und Diskriminierung, insbesondere gegen Chinesen und asiatisch aussehende Menschen“. „Auch in Deutschland häufen sich Angriffe auf Menschen asiatischer Herkunft“.

(Alternativer Fakt: Fälle von Rassismus und Diskriminierung gibt es auch in China. (Nicht erst) seit der Corona-Krise bekommen vor allem Menschen afrikanischer Herkunft diese zu spüren, wie jüngste Vorfälle im südchinesischen Guangzhou belegen.)

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Mythos Nr. 4: China wusste schon Mitte November 2019 vom Ausbruch der Corona-Epidemie und verheimlichte den Ausbruch 45 Tage lang

Fakt: Die chinesischen Behörden erhielten am 27. Dezember 2019 die erste Meldung von Lungenkrankheitsfällen unbekannter Ursache und gaben am 31. Dezember 2019 den ersten epidemiologischen Alarm aus.

Begründung: „Am 27. Dezember 2019 erstattete Dr. Zhang Jixian […] dem Center for Disease Control and Prevention des Bezirks Jianghan der Stadt Wuhan, Bericht über drei Patienten mit Lungenentzündung unbekannter Ursache.“

„Durch auf PCR-Tests gestützte epidemiologische Untersuchungen ist es chinesischen Wissenschaftlern rückblickend gelungen, die ersten Patienten mit Covid-19 im Dezember in Wuhan zu identifizieren. Diese Erkenntnisse wurden am 24. Januar im renommierten Fachmagazin „Lancet” veröffentlicht“.

Am 31.12.209 „gab die Gesundheitskommission der Stadt Wuhan […] einen epidemiologischen Alarm aus und empfahl das Tragen von Schutzmasken”.

„Die WHO lobte deshalb ausdrücklich die Leistung von chinesischen Ärzten und Gesundheitsbehörden, das neuartige Coronavirus mitten in der Grippesaison rasch identifiziert zu haben“.

(Alternativer Fakt: Die chinesische Corona-Zeitrechnung beginnt offiziell am 27. Dezember 2019. Während die Botschaft drei Patienten erwähnt, beruft die South China Morning Post sich auf Regierungsdokumente, denen zufolge es am 27. Dezember bereits 180 Infizierte und am 31. Dezember 266 Infizierte gegeben haben soll. Laut Bericht wurden die ersten Krankheitsfälle im November bekannt.)

Mythos Nr. 5: China hat den Ausbruch der Corona-Pandemie lange vertuscht und so eine globale Ausbreitung erst möglich gemacht

Fakt: China hat stets nach bestem Wissen und Gewissen die heimische und globale Öffentlichkeit über den Ausbruch der Epidemie informiert, binnen kürzester Zeit strengste Quarantänemaßnahmen ergriffen und dem Rest der Welt so mindestens 6 Wochen Zeit zur Vorbereitung auf die Pandemie verschafft.

Begründung: China sei „bereits sehr früh seiner Verpflichtung nachgekommen, die neuartigen Krankheitsverläufe an die WHO zu melden”. Die WHO „bestätigt diese Timeline exakt”.

Unterstrichen wird die Argumentation mit einem weiteren Seitenhieb gegen die Trump-Regierung, „die bis Anfang März 2020 die Gefährlichkeit und Ernsthaftigkeit der Covid-19-Epidemie kleinredete und herunterspielte […]”.

(Alternativer Fakt: Der Spiegel  (Nr.8/Feb.2020) berichtete von der Debatte über das Virus, welche seit Anfang Dezember “mehrere Etappen” durchlaufen habe. Der in dem Artikel zitierte Vizepräsident des Center for China and Globalization in Peking spricht von Zensur durch “verschiedene Regierungsebenen” auf der lokalen Ebene: “In der ersten Phase gab es den absichtsvollen Versuch, jede Äußerung über eine mögliche Epidemie zu unterdrücken“. Empfehlenswert ist auch die “Chronologie einer Vertuschung” der Süddeutschen Zeitung.

 

(Quelle: “Aktuelles über die Botschaft”, china-botschaft.de)

Hier geht es weiter zu Teil 2 – China das Corona-Narrativ: Mehr Mythen, Fakten, und Alternative Fakten.


Beitragsbild: IFLA, Fake News Erkennen (How To Spot Fake News), CC BY 4.0

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