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#58½ China und das Corona-Narrativ: Mehr Mythen, Fakten, Alternative Fakten

You can’t blame China for the Coronavirus.

China has been straightforward, transparent, and quick in terms of sharing information with the WHO.

Liu Xiaoming, Botschafter der VR China im Vereinigten Königreich, BBC, April 2020

China und das Corona-Narrativ, Teil II


Fortsetzung von #58 China und das Corona-Narrativ: Mythen, Fakten und alternative Fakten.


Inhalt

16 Mythen und Fakten: Nr. 6 – 16

China und das Corona-narrativ — „16 Mythen und Fakten“ (Nr. 6–16)

Im Text der chinesischen Botschaft – “China und Covid-19: 16 Mythen und Fakten” – wird jeder der 16 Corona-Mythen mit einem „Fakt“ widerlegt. Diese “Mythen und Fakten” werden im folgenden jeweils originalgetreu zitiert. Im Originaltext folgen auf jeden Fakt Begründungen und Verweise. Diese werden hier nur verkürzt wiedergegeben.

Zur direkten Gegenüberstellung füge ich nach Mythos, Fakt und Begründung eine eigene Auswahl „alternativer Fakten“ hinzu. D.h. Fakten, die aus dem Rahmen fallen und alternativ sind, weil sie nicht in das chinesische Narrativ passen bzw. darin unerwähnt bleiben.

Mythos Nr. 6: China hat Ärzte, die die Welt früh vor dem Virus warnten, verhaftet, um den Ausbruch zu vertuschen

Fakt: Kein Arzt in China wurde wegen einer Warnung vor dem Ausbruch einer Epidemie verhaftet. Ärzte, die einen möglichen Ausbruch gemeldet haben, wurden vom Staat ausgezeichnet.

Begründung: Der Augenarzt Li Wenliang hatte am 30.12.19 in einer privaten Chat-Gruppe „behauptet”, „dass es ‚sieben bestätigte Fälle von SARS’ gegeben habe. Die Polizei hat ihn daraufhin am 03. Januar 2020 vorgeladen und forderte ihn […] auf, die Verbreitung von Gerüchten einzustellen, denn seine (falsche) Aussage, es handele sich um SARS, hätte eine Massenpanik auslösen können.”

Dr. Li war kein ‚Whistleblower’. Er benachrichtigte weder Behörden des öffentlichen Gesundheitswesens, noch warnte er die Öffentlichkeit vor Fehlverhalten oder einer Vertuschung.

Wieder wird auf Dr. Zhang Jixian verwiesen, die „bereits am 27. Dezember 2019 die Gesundheitsbehörden der Stadt Wuhan über eine Häufung von ungewöhnlichen Virenfällen in Kenntnis gesetzt” hatte.

Dr. Li Wenliang war ein guter Arzt und ein Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas. Am 2. April erteilte ihm die chinesische Regierung die höchste Ehrung. Der Tod von Dr. Li wurde jedoch von den USA instrumentalisiert und ohne jeden Faktenbezug zu einer Anti-Kommunismus-Kampagne aufgebauscht“.

Alternativer Fakt:In einer gesunden Gesellschaft sollte es nicht nur eine Art von Stimme geben” schrieb Li Wenliang kurz bevor er an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus verstarb. Anfang Februar löste dessen Tod einen Aufschrei in den sozialen Medien Chinas aus, einen “Sturm millionenfacher Empörung“. Auf Weibo und WeChat forderten viele Menschen die Rehabilitierung Lis, der Hashtag „Wir wollen Redefreiheit” wurde millionenfach geteilt, Rufe nach politischen Reformen wurden laut. Dass die Kommunistische Partei die Causa Dr. Li im Nachhinein instrumentalisieren würde, gehört auch zu den Vorwürfen.

Mythos Nr. 7: China hat seine Zahlen zu Corona-Infizierten und Corona-Toten verschleiert und geschönt

Fakt: China ist jederzeit transparent mit seinen Zahlen von Infizierten und Toten umgegangen und ist nach bestem Wissen und Gewissen seinen Meldepflichten nachgekommen.

Begründung: “Die verhältnismäßig niedrigen Zahlen der Corona-Infizierten und Corona-Toten in ganz China sind auf rechtzeitige Einführung der umfassenden, strengen und gründlichen Maßnahmen sowie der unmittelbaren Schließung der Flughäfen und Bahnhöfe der Stadt Wuhan zurückzuführen“.

Alternativer Fakt: Journalisten von Caixin waren einige der wenigen Medienvetreter, die während der monatelangen Quarantäne in Wuhan waren. Sie berichteten von langen Menschenschlangen vor den Krematorien. In einem davon sollen innerhalb von zwei Tagen 5000 Leichen eingeäschert worden sein. Die offizielle Zahl der Coronatoten betrug zu diesem Zeitpunkt etwa 2500.

Fragen zur Transparenz und Unmittelbarkeit der Reaktionen des Staates gingen chinesische Journalisten des “China News Weekly” in einer ausführlichen (und inzwischen zensierten) Reportage bereits Anfang Februar nach. Deren Schlussfolgerung in Bezug auf den Zeitraum vom 1. Dezember 2019 bis zum 20. Januar 2020:

In practice, judging from early developments in the outbreak, these instructive research data and conclusions were not disclosed to the Chinese public, nor were they applied to fighting the outbreak in a timely manner. Where exactly the government went wrong in its decision making process is still a matter of mystery“.

(Den frühen Entwicklungen des Ausbruchs nach zu urteilen, wurden diese aufschlussreichen Forschungsdaten und Schlussfolgerungen in der Praxis weder der chinesischen Öffentlichkeit bekannt gegeben, noch wurden sie zur rechtzeitigen Bekämpfung des Ausbruchs angewandt. Wo genau die Regierung in ihrem Entscheidungsprozess falsch gehandelt hat, ist immer noch ein Rätsel)

Mythos Nr. 8: China manipuliert die WHO, damit sie China nicht kritisiert

Fakt: Die WHO als eine unabhängige Organisation der Vereinten Nationen mit 194 Mitgliedstaaten ist nicht manipulierbar.

Begründung:Die Mitarbeiter der WHO sind medizinische Fachkräfte und Experten […]. In ihrer Arbeit orientieren sie sich an der Wissenschaft, an Beweisen und Fachexpertisen“. Nur eines der 21 Mitglieder des Führungsgremiums der WHO in Genf komme aus China.

Die Behauptung also, dass der WHO-Chef von ‘Chinas Gnaden’ sei und China ihn ins Amt gehoben habe, entbehrt jeder Grundlage“. Außerdem stehe China in der Rangliste der Geldgeber nur auf Platz 6.

Alternativer Fakt: China baut seinen Einfluss in den Vereinten Nationen seit Jahren aus, personell wie finanziell (siehe dazu auch #34). Nach dem angekündigten Zahlungsstopp der USA im April hat China der WHO eine Spende in Höhe von 30 Millionen US-Dollar zugesichert.

Mythos Nr. 9: China verhindert den Beitritt Taiwans zur WHO, wodurch die Gesundheit der Bevölkerung in Taiwan gefährdet ist

Fakt: Taiwan ist Teil Chinas und nicht Mitglied der Vereinten Nationen. Es ist also völkerrechtlich nicht berechtigt, der WHO beizutreten. Trotzdem ist die technische Zusammenarbeit der WHO mit Taiwan gewährleistet.

Begründung:Taiwan ist weder souveräner Staat, noch Mitglied der Vereinten Nationen, sondern ein Teil Chinas. Es ist deshalb nicht qualifiziert für eine Mitgliedschaft in der WHO“.

Für die chinesische Zentralregierung steht die Gesundheit der Landsleute in Taiwan im Vordergrund. Seit Ausbruch der Covid-19-Epidemie hält die chinesische Regierung die Gesundheitsbehörde Taiwans stets auf dem Laufenden“.

Gesundheitsexperten aus Taiwan sind Mitte Januar nach Wuhan eingeladen worden, um sich selbst vor Ort ein Bild zu machen“.

Alternativer Fakt: Bis 1971 war die Republik China Mitglied der Vereinten Nationen. 1972 nahm die Volksrepublik China dessen Platz ein und Taiwan verlor den Mitgliedsstatus. (Siehe auch #52 Präsidentschaftswahl 2020: Taiwan hat gewählt)

Mythos Nr. 10: Taiwan hat die WHO schon am 31.Dezember 2019 vor einer Gefahr der Mensch-zu-Mensch-Übertragung des neuartigen Coronavirus gewarnt, wurde aber ignoriert

Fakt: Taiwan hat die WHO nicht gewarnt, sondern nur nach der Bekanntmachung der Stadtregierung von Wuhan die WHO um weitere Informationen gebeten.

Begründung:Die WHO hat mehrfach betont, dass es sich nicht um eine Warnung aus Taiwan handelte, sondern lediglich um eine Bitte.“ Der erste CoVid-19 Fall in Taiwan wurde am 21. Januar bestätigt – „welchen wissenschaftlichen Gehalt und welche Plausibilität hätte eine Warnung aus Taiwan also haben können ohne die Diagnostik eines konkreten Falles?

Alternativer Fakt: Laut Gesundheitsminister erfuhren die Behörden Taiwans bereits Mitte Dezember von einer zu diesem Zeitpunkt noch nicht identifizierten schweren Atemwegserkrankung. Basierend auf den Erfahrungen der SARS-Epidemie 2002/2003 wird die Strategie Taiwans im Umgang mit dem neuartigen Coronavirus von vielen Ländern als erfolgreich und beispielhaft angesehen.

Mythos Nr. 11: China ist verantwortlich für den Ausbruch der Pandemie und muss den davon betroffenen Staaten und Menschen Entschädigung zahlen

Fakt: Das Virus ist ein gemeinsamer Feind der Menschheit und China ist auch Opfer des Ausbruchs. Ansprüche auf Entschädigung entbehren jeder rechtlichen Grundlage.
Begründung: Wie alle anderen betroffenen Länder sei „China Opfer – und kein Täter“.
Nach geltendem Völkerrecht und Internationalen Gesundheitsvorschriften von 2005 sind Staaten nicht für den Ausbruch einer Pandemie haftbar zu machen.“

China habe keine „internationale unerlaubte Handlung” begangen und somit auch nicht „gegen seine internationalen Verpflichtungen verstoßen“. Vielmehr habe man „mit einer Reihe von sehr frühen und wirkungsvollen Maßnahmen [die] internationalen Verpflichtungen in der Covid-19-Pandemie erfüllt“.

Mythos Nr.12: China hilft anderen Staaten nur, um seinen geopolitischen Einfluss zu vergrößern

Fakt: China hilft anderen Ländern aus dem Gebot der Menschlichkeit und Dankbarkeit und auch weil es in dieser Krise einen Erfahrungsvorsprung hat.

Begründung: Da „wir alle Teil einer Gemeinschaft mit einer gemeinsamen Zukunft sind“, sei es für China „ein Gebot der Menschlichkeit und der Völkerfreundschaft“, anderen Ländern zu helfen. Die Erfahrungen aus China könnten „anderen betroffenen Ländern dabei behilflich sein, ihre Gegenmaßnahmen besser zu planen und von Chinas Erfahrungen zu profitieren“.

Alternativer Fakt: Bei vielen vermeintlichen Hilfslieferungen handelt es sich oftmals nicht um großzügige Spenden, sondern regulär auf dem Markt erworbenes Schutzmaterial. Staatliche Medien feiern die „Maskendiplomatie“ gerne als Erfolg und als Beweis für die Überlegegenheit des chinesischen Systems gegenüber westlichen Demokratien.

Mythos Nr. 13: Aus China importierte medizinische Schutzausrüstung ist fehlerhaft

Fakt: Es gelten erhöhte Qualitätskontrollen für medizinische Exportprodukte. Fehler resultieren aus falscher Anwendung und Missverständnissen.

Begründung:Laut chinesischen Zollstatistiken exportierte China in der Zeit vom 1. März bis zum 4. April 2020 medizinische Schutzausrüstung im Wert von 10,2 Milliarden RMB (umgerechnet 1,3 Milliarden Euro)“. „Nur ein winziger Bruchteil“ dieser Produkte weise Qualitätsprobleme auf.

Alternativer Fakt: Mehrfach sind in Deutschland, der Schweiz und in Österreich die Qualität der Schutzausrüstung aus China bemängelt worden. Auch Spanien, Kanada, die Niederlande, Tschechien sowie die Türkei, hatten zuletzt hunderttausende minderwertige chinesische Schutzausrüstungsprodukte zurückgerufen.

Ende April hat die chinesische Regierung hat nach eigenen Angaben mehr als 89 Millionen mangelhafte Atemschutzmasken und weitere Schutzausrüstung beschlagnahmt. Es wurden schärfere Regeln angekündigt, um internationalen Qualitätsstandards zukünftig gerecht zu werden.

Mythos Nr. 14: China hat das Covid-19-Virus benutzt, um die westliche Wirtschaft lahmzulegen

Fakt: China und der Rest der Welt sind wirtschaftlich eng miteinander verflochten. Nur wenn es der Weltwirtschaft gut geht, geht es der chinesischen Wirtschaft gut.

Begründung:China und die Welt sind voneinander abhängig. Es liegt im eigenen Interesse Chinas, dass sich die Wirtschaft in der ganzen Welt schnell wieder erholt und stabil entwickelt“.

Mythos Nr.15: China öffnet wieder Wildtiermärkte

Fakt: Es gibt in China keinen „Wildtiermarkt”. Die chinesische Legislative hat den illegalen Handel, Transport und Konsum von Wildtieren verboten.

Begründung:Am 24. Februar 2020 hat der Ständige Ausschuss des Nationalen Volkskongresses (NPC) ein sofortiges Verbot des illegalen Handels mit Wildtieren sowie deren Verzehr verhängt.

In Wuhan sind traditionelle Märkte wieder eröffnet worden […], darin unterscheiden sich die Märkte in Wuhan aber nicht wesentlich von europäischen Fisch-, Vieh- und Gemüsemärkten.

Alternativer Fakt: Verbote dieser Art müssen durchgesetzt und kontrolliert werden. Darüber hinaus sind niedrige Hygienestandards, Bestechung und Korruption, sowie der Einsatz schädlicher Zusatzstoffe in der Lebensmittelproduktion weitere Probleme. Die Beliebtheit der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), welche Wildtieren bestimmte Heilwirkungen zuspricht, und die Lust auf exotische Speisen dürften weiterhin für eine hohe Nachfrage sorgen.

Mythos Nr. 16: Chinesen essen Fledermaus-Suppe und haben sich auf diese Weise mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt

Fakt: Fledermäuse gehören keineswegs auf die chinesische Speisekarte.

Begründung: „Der Mythos, alle Chinesen würden Fledermäuse essen, ist etwa so abwegig wie zu behaupten, alle Deutschen würden Saumagen essen.“

Alternativer Fakt: Die traditionelle chinesische Küche ist vielseitig. Zu den vier kulinarischen Hauptrichtungen gehören die Regionalküchen in Shandong, Sichuan, Jiangsu und Guangdong. Letztere ist bekannt für das Sprichwort „alles mit vier Beinen außer dem Tisch, und alles was fliegt außer dem Flugzeug“ gilt als essbar.


(Quelle: “Aktuelles über die Botschaft”, china-botschaft.de)


In der BBC-Sendung Hard Talk verteidigt der chinesische Botschafter im Vereinigten Königreich das chinesische Narrativ:

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Beitragsbild:

Amnesty international (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:EQI3m-yW4AA_WJJ.png), „EQI3m-yW4AA WJJ“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode

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