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Altes Europa China-Positionen deutscher Parteien

#89 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und China (I)

So bedauerlich das ist: Auch China hat sich in den letzten Jahren verändert, schottet sich von der Welt ab, droht mit militärischem Vorgehen gegen Taiwan und versucht, anstelle internationaler Normen seine eigenen Regeln zu setzen.

Außenministerin Baerbock, Süddeutsche Zeitung, 13.11.2022

50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und China

Peking, 11. Oktober 1972. Die Außenminister der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik China, Walter Scheel und Ji Pengfei, unterzeichneten den Beschluss, diplomatische Beziehungen aufzunehmen und in kurzer Zeit Botschafter auszutauschen.

Im Anschluss an seine fünftägige Reise auf dem chinesischen Festland beantwortete der Außenminister in Hongkong Fragen der Presse. In Bezug auf den Status der Insel Taiwan gebe es “keinerlei Probleme”, so Scheel.

Randnotiz: Im Jahr zuvor hatte Taiwan, die Republik China, den Status als Vertreterin Chinas in den Vereinten Nationen und weiteren internationalen Organisationen an die Volksrepublik verloren. 50 Jahre später droht die ungeklärte “Taiwan-Frage” zum Auslöser eines bewaffneten Konflikts zwischen den rivalisierenden Großmächten USA und China zu werden. Deutschland könnte in solch einem Fall im Rahmen der Indo-Pazifik-Strategie an einer militärischen Auseinandersetzung direkt beteiligt sein.

1972 – Chinas Rückkehr auf die weltpolitische Bühne

Anfang 1972 besuchte US-Präsident Nixon China und den großen Steuermann Mao Zedong. Der US-Präsident hatte dabei die Sowjetunion im Blick, nach dem Motto “der Feind meines Feindes ist mein Freund”.

Der Jahresrückblick 1972: Chinas Weg in die Weltpolitik der Tagesschau zeigt auch Originalaufnahmen jener Zeit.

Das Jahr 1972 markierte einen Wendepunkt in der modernen Geschichte: die Rückkehr Chinas auf die weltpolitische Bühne.

Zurück zu den diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und China.

Mitte 1973 nahm der erste chinesische Botschafter, Wang Yutian, in der Bonner Republik seine Tätigkeit auf.

Randnotiz: Die DDR und die Volksrepublik China hatten bereits im Oktober 1949 diplomatische Beziehungen aufgenommen. Erster chinesischer Botschafter im geteilten Nachkriegsdeutschland war Ji Pengfei, späterer Außenminister der VR China.

50 Jahre diplomatische Beziehungen Deutschland und China: zwischen “Zeitenwende” und “neuer Ära”

50 Jahre später sind Deutschland und China vor allem wirtschaftlich eng verflochten:

Heute sind ca. 6000 deutsche Unternehmen in China tätig und schaffen insgesamt rund 1 Millionen Arbeitsplätze. Jedes Jahr studieren mehr als 40.000 chinesische Studierende in Deutschland.  […] Im Süden befindet sich auch die größte deutsche Investition in China überhaupt: BASF baut in Zhanjiang für über 10 Mrd. USD eine hochmoderne Anlage zur Kunststoffproduktion.

 

Die COVID-Pandemie hat leider zu einer jähen Unterbrechung der Kontakte geführt. Seit Anfang 2020 haben die Menschen beider Länder nur noch wenig Gelegenheit, sich zu begegnen. Es bleibt die Hoffnung, dass dieses 50. Jubiläumsjahr genutzt werden kann, um die Menschen in Deutschland und China einander wieder näher zu bringen.

(Quelle: Bundesregierung)

Auf deutscher Seite hält sich die Feierlaune nicht nur wegen der Covid-Pandemie in Grenzen. Der strategische Partner ist inzwischen auch als Systemrivale kategorisiert worden.

Außenministerin Baerbock fordert eine Ausrichtung der politischen, aber vor allem wirtschaftlichen Beziehungen “an dem China, wie es heute ist.” Streit innerhalb der Koalition und mit Teilen der Wirtschaft ist vorprogrammiert.

Die Bundesregierung der Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP lässt derzeit eine China-Strategie ausarbeiten, um “Leitplanken” für den zukünftigen Umgang mit China zu definieren.

Während auf deutscher Seite vor allem Dissonanzen wahrnehmbar sind, blendet die chinesische Seite diese lieber aus und wünscht sich Zusammenarbeit für Win-Win-Situationen.

中德建交50年 – Feier zum 50. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen in Berlin

Herr Wu, Botschafter der Volksrepublik China in Deutschland, lud in Berlin anlässlich des 73. Nationalfeiertages der VR China und des 50. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen China und Deutschland zu einem feierlichen Empfang.

Unter den geladenen Gästen fanden sich zahlreiche ranghohe Vertreter aus der deutschen Politik und Wirtschaft ein, lauschten Star-Pianist Lang Lang und dessen Interpretation der Goldberg-Variationen, und der Rede des chinesischen Botschafters.

Wu Ken: Zusammenarbeit und Dialog zwischen Deutschland und China

In seiner Rede verglich Herr Wu die deutsch-chinesischen Beziehung der letzten 50 Jahre mit chinesischen und westlichen Musikinstrumenten, die trotz ihrer “Andersartigkeit ein harmonisch klingendes Ensemble bilden können”. Zu hören sei dieses Ensemble wie auf einer „zeitlosen CD”, auf der manchmal sogar „Störgeräusche” vorhanden seien.

Aber geleitet durch den Taktstock des gegenseitigen Respekts, des Trachtens nach Gemeinsamkeiten trotz Differenzen und der Win-Win-Kooperation war und ist der Grundtenor der chinesisch-deutschen Beziehungen stets Zusammenarbeit und Dialog. […]

 

Zusammenarbeit war stets der Leitgedanke der fünfzigjährigen Beziehungen zwischen China und Deutschland. Der bilaterale Handel ist von einem anfänglichen Rinnsal zu Beginn der diplomatischen Beziehungen mittlerweile zu einem reißenden Strom angeschwollen. Heute wird pro Minute ein Handelsvolumen von fast einer halben Million Euro erreicht, ungefähr das Tausendfache im Vergleich zu den 70er Jahren. Deutschland ist seit vielen Jahren der wichtigste Handelspartner Chinas in Europa. Auch ist China seit sechs Jahren in Folge der größte Handelspartner Deutschlands. Der China-Europa-Express ist als Karawane aus Stahl zwischen Deutschland und China unterwegs, die allen Widrigkeiten trotzt. […]

Dialog war immerzu das Grundprinzip der fünfzigjährigen Beziehungen zwischen China und Deutschland. Dialog und Verständigung auf höchster Ebene war und ist ein wichtiger Motor für die Entwicklung der bilateralen Beziehungen. […]

Die Welt ist gerade wegen ihrer Vielfalt und ihrer Unterschiede ein so wunderbarer Ort.

Herr Wu beschreibt auch eines der Kernkonzepte chinesischer Diplomatie und Außenpolitik:

Wir sind der Auffassung, dass Länder bei der Interaktion mit anderen Ländern nicht nur angehalten, sondern sogar dazu verpflichtet sind, wann immer möglich nach Gemeinsamkeiten zu suchen und gleichzeitig die gegenseitigen Unterschiede zu respektieren. Und darin liegt auch der Reiz und die Aufgabe der Diplomatie.[…]

Mit dem Leitmotiv der Xi Jinping-Gedanken endet des Botschafters Rede.

In diesem Jahr hat China unter der starken Führung der Partei mit Generalsekretär Xi Jinping an der Spitze die Prävention und Bekämpfung der Pandemie mit den Bemühungen um die wirtschaftliche und soziale Entwicklung effektiv koordiniert und an allen Fronten positive Fortschritte erzielt. […]

Egal ob im Osten oder im Westen liegt die eigentliche Wettbewerbsfähigkeit darin, sich immer wieder selbst zu übertreffen, und nicht darin, andere einzudämmen. Der wahre Gegner ist immer man selbst. […]

China wird sich weiterhin selbstbewusst, offen und integrativ für die Förderung der internationalen Zusammenarbeit einsetzen und die verschiedenen globalen Herausforderungen auf dieselbe Art und Weise angehen. In Anlehnung an das Konzept des Aufbaus einer Schicksalsgemeinschaft der Menschheit wird China neue Entwicklungen ermöglichen und der Welt damit neue Chancen eröffnen. Unser Land wird sein Wissen und seine Stärke für den Frieden und die Entwicklung in der Welt sowie für den Fortschritt der menschlichen Zivilisation einsetzen. […]

Lassen Sie uns in einem harmonischen und produktiven Miteinander an der Komposition der chinesisch-deutschen Beziehungen für die kommenden fünfzig Jahre weiterarbeiten und sie auf die Bühne bringen, und damit einen gemeinsamen, chinesisch-deutschen Beitrag zum Aufbau einer Schicksalsgemeinschaft der Menschheit und zur friedlichen und stabilen Entwicklung der Welt leisten!

(Auszüge/Quelle: Webseite der Volksrepublik China)

Und auch Chinas Staatspräsident Xi Jinping tauschte zum 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und China Glückwunschbotschaften mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aus.

Xi Jinping wies darauf hin, dass China und Deutschland in den letzten 50 Jahren ihre Beziehungen im Geiste des gegenseitigen Respekts und des gegenseitigen Nutzens weiter gefördert und positive Beiträge zum Weltfrieden und zur Entwicklung geleistet hätten, indem sie ein Kapitel gemeinsamer Erfolge schrieben. Er messe der Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen große Bedeutung bei und wolle mit Bundespräsident Steinmeier zusammenarbeiten, um den 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zum Anlass zu nehmen, auf der Vergangenheit aufzubauen und die umfassende strategische Partnerschaft beider Länder zum Nutzen beider Länder und Völker auf eine neue Ebene zu heben, so Xi Jinping weiter.

(Quelle: CRI)

Siehe auch:

#67½ Spionage, Netzwerke und Formen der Einflussnahme durch China in Deutschland (II)

#67¾ Spionage, Netzwerke und Formen der Einflussnahme durch China in Deutschland (III)

#67 Spionage, Netzwerke und Formen der Einflussnahme durch China in Deutschland (I)

#69 China-Politik EU & Deutschland (II): Indo-Pazifik Leitlinien der Bundesregierung

Mehr zum Thema 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und China:

DW: Deutschland und China – Beziehungsstress nach 50 Jahren

DEUTSCHLAND.DE: 50 x Deutschland-China

SWR: China gegen Taiwan: Was steckt hinter dem Konflikt?


 

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